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Illustration einer entspannt wirkenden Frau, die mit geschlossenen Augen und einem sanften Lächeln in einem gemütlichen Sessel sitzt und sich selbst umarmt. Neben ihr stehen auf einem kleinen Beistelltisch eine Zimmerpflanze und eine Tasse. Oben auf dunkelblauem Hintergrund steht der Text: „Wer sich selbst mit Nachsicht begegnet, muss weniger Energie gegen sich selbst verbrauchen.“ Die Illustration symbolisiert Selbstmitgefühl, innere Ruhe und einen wertschätzenden Umgang mit sich selbst.

Wie viel Energie kosten dich unterdrückte Gefühle wirklich?

Gefühle können Energie spenden, Gefühle können aber auch Energie rauben. Wie du mit ihnen umgehst, entscheidet darüber, ob sie dich tragen oder heimlich an dir zehren.


Wenn starke Gefühle Energie rauben

Starke Affekte, die sich in Wut und Aggression entladen, können viel Energie rauben. Dabei wird, wie bei der Stressreaktion, Adrenalin ins Blut ausgeschüttet und führt zu einer erhöhten körperlichen Aktivierung. Diese frei werdende Energie wird nicht in produktiver und konstruktiver Weise eingesetzt, sondern hat eine selbstschädigende Wirkung.

Warum unterdrückte Gefühle nicht verschwinden

Auch wenn du deine Gefühle nicht zeigst, wenn du sie unterdrückst, geht Energie verloren. Unterdrückte Gefühle haben die Eigenschaft, nicht einfach zu verschwinden, sondern im Verborgenen weiterzuarbeiten. Dort suchen sie nach einem Ausbruchskanal oder sie nagen an deinem Selbstvertrauen und beeinträchtigen dein Wohlbefinden.

Wird ein bestimmtes Ausmaß an Belastung überschritten, können sich aufgestaute Gefühle in einer Explosion Luft verschaffen. Leider findet diese Explosion häufig zur falschen Zeit, am falschen Ort, gegenüber der falschen Person statt.

Der begrenzte Energievorrat

Gefühl entsteht → unterdrücken oder ausleben → Energie verbrauchen oder gewinnen → begrenzter Vorrat → Nachtanken nötig

Energie ist nur in begrenztem Vorrat vorhanden und muss immer wieder nachgetankt werden.

Ökonomisch mit der eigenen Gefühlsenergie umgehen

Es gilt für das Gefühlsleben genauso wie für das Alltags- und Wirtschaftsleben: ökonomisch mit den eigenen Ressourcen umzugehen. Ein unangemessener Umgang mit Gefühlen verbraucht den Vorrat an Energie. Wenn du dauerhaft in den Minusbereich gelangst, reagieren Körper und Psyche mit einem Erschöpfungszustand, dem Burnout.

Verbreitung

Nach einer Erhebung des McKinsey Health Institute berichtete Anfang 2024 etwa jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland von Burnout-Symptomen. Eine internationale Erhebung der Boston Consulting Group aus demselben Jahr kam sogar auf knapp die Hälfte der Beschäftigten weltweit. Burnout ist damit kein Randphänomen, sondern eine der häufigsten Folgen eines dauerhaft überzogenen Energiehaushalts.

McKinsey Health Institute (2024); Boston Consulting Group (2024).

Mut zur Unvollkommenheit

Energie geht auch dann verloren, wenn du dich zu sehr auf die Fehler der Vergangenheit konzentrierst. Wir alle machen die Erfahrung von Misserfolgen, niemand ist davor geschützt, ab und zu Fehler zu machen, falsche Entscheidungen zu treffen oder etwas Wichtiges zu vergessen. Wie man allerdings mit Fehlern umgeht und was man daraus macht, hängt weitgehend vom eigenen Selbstbild ab.

Selbstmitgefühl

Menschen mit ausgeprägterem Selbstmitgefühl reagieren nach eigenen Fehlern nachweislich emotional stabiler, ohne dabei weniger Verantwortung zu übernehmen. Sie zeigen sich sogar eher bereit, ihren Anteil an einem Rückschlag anzuerkennen und einen neuen Versuch zu wagen. Eine mehrjährige Studie mit über tausend Studienanfängerinnen und Studienanfängern zeigte zudem, dass Selbstmitgefühl über die Zeit hinweg zunimmt, wenn das erlebte Stresslevel steigt, und so als natürlicher Puffer wirkt.

Neff, K. D. (2003), Self-Compassion. Self and Identity, 2(2).; Breines, J. G. & Chen, S. (2012), Self-Compassion Increases Self-Improvement Motivation. Personality and Social Psychology Bulletin, 38(9).; Hoyle, R. et al. (2024), zitiert nach Spektrum der Wissenschaft, Duke University.

Zu bedenken

Ein freundlicher Umgang mit den eigenen Fehlern bedeutet nicht, sich weniger anzustrengen. Die eigenen Ansprüche bleiben gleich hoch, nur der innere Ärger über das Nichterreichen fällt geringer aus, und genau das macht einen neuen Versuch wahrscheinlicher.

Übung: Energie-Check am Abend

Diese Übung dauert wenige Minuten und eignet sich gut als kurzes Abendritual.

Schritt 1

Erinnere dich an ein Gefühl, das du heute unterdrückt oder heruntergeschluckt hast. Benenne es kurz, ohne es zu bewerten.

Schritt 2

Frage dich, wie viel Energie dich das Unterdrücken vermutlich gekostet hat, auf einer Skala von wenig bis sehr viel.

Schritt 3

Denke an einen Fehler oder Rückschlag des heutigen Tages. Formuliere dazu einen Satz, wie du ihn einer guten Freundin oder einem guten Freund in derselben Situation sagen würdest.

Schritt 4

Sprich dir diesen Satz nun selbst zu, laut oder in Gedanken, und beobachte, ob sich etwas an der Anspannung verändert.


Fazit für deinen Alltag

Gefühle sind keine Nebensache, sie sind ein Energiehaushalt, mit dem ökonomisch umgegangen werden will. Wer Gefühle dauerhaft unterdrückt oder sich selbst nach jedem Fehler hart verurteilt, verbraucht Energie, die an anderer Stelle fehlt.

Ein freundlicherer Umgang mit dir selbst ist dabei keine Schwäche, sondern die ökonomischere Variante.

Welches Gefühl hast du heute unterdrückt, und was würde passieren, wenn du es dir stattdessen kurz eingestehst?



Wissenschaftlicher Hintergrund

  • Bakker, A. B. (2006): Emotionale Dissonanz am Arbeitsplatz. Beschreibt, wie das Auseinanderklaffen von gezeigten und tatsächlichen Gefühlen Energie kostet und langfristig das Burnout-Risiko erhöht.
  • Gross, J. J. (1998): The Emerging Field of Emotion Regulation: An Integrative Review. Review of General Psychology, 2(3). Grundlagenmodell dazu, wie das Unterdrücken von Gefühlen im Vergleich zu anderen Regulationsstrategien besonders viele kognitive Ressourcen bindet.
  • McKinsey Health Institute (2024): Erhebung zu Burnout-Symptomen unter Beschäftigten in Deutschland, veröffentlicht im Januar 2024.
  • Boston Consulting Group (2024): Internationale Erhebung zu Burnout-Symptomen am Arbeitsplatz.
  • Neff, K. D. (2003): Self-Compassion: An Alternative Conceptualization of a Healthy Attitude Toward Oneself. Self and Identity, 2(2). Grundlagenarbeit zum Konzept des Selbstmitgefühls und seiner drei Komponenten Selbstfreundlichkeit, gemeinsames Menschsein und Achtsamkeit.
  • Breines, J. G. & Chen, S. (2012): Self-Compassion Increases Self-Improvement Motivation. Personality and Social Psychology Bulletin, 38(9). Zeigt, dass ein mitfühlender Umgang mit eigenen Fehlern die Motivation für einen erneuten Versuch erhöht, statt sie zu schwächen.
  • Hoyle, R. et al. (2024), zitiert nach Spektrum der Wissenschaft (2024): Mehrjährige Studie mit Studienanfängerinnen und Studienanfängern der Duke University zum Zusammenhang zwischen Stresserleben, Selbstmitgefühl und Resilienz.
  • Zessin, U., Dickhäuser, O. & Garbade, S. (2015): The Relationship Between Self-Compassion and Well-Being. Applied Psychology: Health and Well-Being, 7(3). Meta-Analyse, die den Zusammenhang zwischen Selbstmitgefühl und geringerer Angst, weniger depressiven Symptomen und mehr Wohlbefinden bestätigt.

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