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Illustration einer erschöpft wirkenden Frau, die einen übergroßen, schweren Rucksack mit zahlreichen Taschen und zusammengerollten Decken auf dem Rücken trägt. Sie geht nach vorne gebeugt und hält die Schultergurte fest. Rechts steht auf dunkelblauem Hintergrund der Text: „Wie einen schweren Rucksack schleppen wir Vorurteile, Erwartungen und Ängste mit uns herum.“ Die Illustration verdeutlicht, wie innere Belastungen das Leben erschweren können.

Warum schleppst du noch Gefühle von vor 20 Jahren mit dir herum?

Wir sammeln und speichern im Laufe unseres Lebens eine Unzahl von unterschiedlichen gefühlsmäßigen Reaktionen. Viele davon prägen unser Verhalten noch heute, obwohl die Situation, aus der sie stammen, längst vorbei ist.


Zwei Bereiche der emotionalen Intelligenz

Intrapsychische Intelligenz meint das Verständnis der eigenen Gefühle und der eigenen Person. Interpersonelle Intelligenz meint, andere zu verstehen und sich in ihre Gefühle, Befindlichkeiten und Verhaltensweisen einfühlen zu können.

Die emotionale Intelligenz beeinflusst neben der analytisch-logischen Intelligenz maßgeblich den Erfolg und die Lebenszufriedenheit. Sie ist in gewissem Maß die Voraussetzung dafür, dass andere Bereiche der Intelligenz angemessen und wirkungsvoll eingesetzt werden können.

Emotionale Intelligenz im Alltag

Emotionale Intelligenz besteht darin, sich selbst zu beruhigen, Gefühle angemessen auszudrücken und Gefühle bei anderen zu erkennen. Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit sind dabei zentrale Aspekte, mit großer Bedeutung sowohl in sozialen Beziehungen als auch in der Arbeitswelt.

Neuere Forschung

Eine aktuelle Untersuchung im Consulting Psychology Journal ordnet emotionale Intelligenz differenzierter ein, als es die frühe Forschung tat. EI gilt zwar weiterhin als entwickelbare Fähigkeit, nicht als festes Persönlichkeitsmerkmal, wirkt aber nicht in jedem Kontext gleich positiv, in bestimmten Situationen kann ein hohes Maß an EI auch zur Belastung werden. Wie gut und wie nachhaltig sich EI tatsächlich trainieren lässt, ist laut den Autorinnen und Autoren noch nicht abschließend geklärt.

Emmerling, R. & Cherniss, C. (2025); Palmer, B. & Lee, A. (2025), zitiert in Consulting Psychology Journal.

Wie Gedanken und Gefühle zusammenhängen

Es gibt schöne, angenehme, positive Gefühle und solche, die belasten, stören, verwirren und irritieren. Sie sind jeweils eng mit den Gedanken verbunden. Du fühlst, was du denkst.

Wenn du an eine bevorstehende Urlaubsreise mit einer geliebten Person denkst, werden diese Gedanken sehr freudige, positive, angenehme Gefühle auslösen. Der Gedanke an eine anstrengende Geschäftsreise mit langer Autofahrt und Verhandlungen unter Druck kann dagegen Anspannung und Unbehagen auslösen, dieselbe Reise, aber ein völlig anderes Gefühl, je nachdem, welche Gedanken damit verbunden sind.

Vom Gedanken zum Gefühl

Gedanke über eine Situation → gefühlsmäßige Bewertung → körperliche Reaktion → gespeichertes Muster im Unbewussten

Dieselbe Situation kann je nach Gedanke völlig unterschiedliche Gefühle auslösen.

Das Unbewusste als schnellstes Speichersystem

Das Unbewusste speichert alle Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens gemacht haben, und es speichert auch die damit verbundenen Gefühle. Diese Speicherleistung übertrifft selbst die Kapazität eines Computers und hat eine wichtige Funktion: Die gespeicherten Bewertungen von bestimmten Reizen und Situationen ermöglichen eine rasche und optimale Reaktion.

Schema im Kopf

Wenn eine Situation als gefährlich bewertet wird, weil eine Koppelung zwischen der Erfahrung und dem erlebten Gefühl der Bedrohung stattgefunden hat, können wir schnell reagieren. Das menschliche Verhalten ist zu einem wesentlichen Teil das Ergebnis solcher gespeicherten Muster, die in Form eines Schemas im Kopf abgelegt sind.

Bei einem aufziehenden Gewitter am See wirst du deshalb automatisch einen schützenden Ort aufsuchen, ganz ohne bewusst darüber nachzudenken. Genau dieser Automatismus macht das Unbewusste im Alltag so effizient.

Wenn der Rucksack nicht mehr zur Gegenwart passt

Wir haben im Unbewussten aber auch Bewertungen von Situationen gespeichert, die nicht mehr den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen. Wie einen schweren Rucksack schleppen wir Vorurteile, Erwartungen und Ängste mit uns herum.

Ein Beispiel

Wer als jüngstes Kind die Erfahrung gemacht hat, nur gelobt zu werden, wenn er nachgegeben hat, dem fällt es zwanzig Jahre später oft schwer, entschlossen Nein zu sagen. Die Angst, von anderen abgelehnt zu werden, wirkt noch immer, obwohl die ursprüngliche Situation längst vorbei ist.

Sich solcher Gewohnheiten bewusst zu werden, ist bereits der erste Schritt zu einer möglichen Veränderung.

Affect Labeling

Wie stark allein das bewusste Benennen eines Gefühls wirkt, zeigt eine mittlerweile gut bestätigte Forschungslinie: Das Benennen einer Emotion senkt messbar die Aktivität in der Amygdala und erhöht gleichzeitig die Aktivität in Hirnregionen, die mit Selbstregulation verbunden sind. Neuere Untersuchungen bestätigen diesen Effekt und zeigen zusätzlich, dass er verlässlicher ausfällt, wenn das Benennen mit einer erneuten Einordnung der Situation verbunden wird.

Lieberman, M. D. et al. (2007), Putting Feelings into Words. Psychological Science, 18(5).; Yoshimura, S., Shimomura, K. & Onoda, K. (2024), Diminished Negative Emotion Regulation through Affect Labeling and Reappraisal. BMC Psychology, 12(1).

Übung: Gefühl benennen, Muster erkennen

Diese kurze Übung nutzt genau den Effekt des Affect Labeling und lässt sich in wenigen Minuten durchführen, am besten schriftlich.

Schritt 1

Erinnere dich an eine Situation aus den letzten Tagen, in der du überraschend stark reagiert hast, mit Ärger, Angst, Rückzug oder einem plötzlichen Bedürfnis nachzugeben. Benenne das Gefühl so genau wie möglich, in einem einzigen Wort.

Schritt 2

Frage dich: Welcher Gedanke ist diesem Gefühl unmittelbar vorausgegangen? Schreibe den Gedanken als vollständigen Satz auf, ohne ihn zu bewerten.

Schritt 3

Frage dich weiter: Kenne ich dieses Gefühl aus einer viel früheren Situation, vielleicht aus der Kindheit? Wenn ja, woraus genau bestand die damalige Situation?

Schritt 4

Prüfe abschließend: Passt die damalige Bewertung noch zur heutigen Situation, oder trägst du hier ein Stück vom alten Rucksack mit dir herum, das du heute eigentlich nicht mehr brauchst?


Fazit für deinen Alltag

Deine Gefühle sind kein Zufall, sie sind eng mit deinen Gedanken und mit gespeicherten Erfahrungen aus der Vergangenheit verknüpft. Manche dieser Muster schützen dich noch heute, andere halten dich unnötig zurück.

Emotionale Intelligenz beginnt genau an diesem Punkt: zu erkennen, welches Gefühl zu welcher gespeicherten Bewertung gehört, und bewusst zu entscheiden, ob sie noch gebraucht wird.

Welche Bewertung aus deiner Vergangenheit reagiert heute noch schneller, als es die Gegenwart eigentlich verlangt?



Wissenschaftlicher Hintergrund

  • Bar-On, R. (1997): The Emotional Quotient Inventory (EQ-i): Technical Manual. Multi-Health Systems. Unterteilt emotionale Intelligenz unter anderem in intrapersonale und interpersonale Kompetenzen, wie sie hier beschrieben werden.
  • Salovey, P. & Mayer, J. D. (1990): Emotional Intelligence. Imagination, Cognition and Personality, 9(3). Erste wissenschaftliche Definition der emotionalen Intelligenz als eigenständige Fähigkeit neben der analytischen Intelligenz.
  • Beck, A. T. (1976): Cognitive Therapy and the Emotional Disorders. International Universities Press. Grundlegende Arbeit zum engen Zusammenhang zwischen Gedanken und Gefühlen, Basis der kognitiven Therapie.
  • Lazarus, R. S. (1991): Emotion and Adaptation. Oxford University Press. Beschreibt, wie Situationen kognitiv bewertet werden, bevor sie ein Gefühl wie Bedrohung oder Freude auslösen.
  • LeDoux, J. (1996): The Emotional Brain. Simon & Schuster. Zeigt neurowissenschaftlich, wie Bedrohungsmuster unbewusst gespeichert werden und blitzschnelle Reaktionen ermöglichen.
  • Bartlett, F. C. (1932): Remembering: A Study in Experimental and Social Psychology. Cambridge University Press. Grundlagenwerk zur Schema-Theorie, die beschreibt, wie Erfahrungen als abrufbare Muster im Gedächtnis abgelegt werden.
  • Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H. & Way, B. M. (2007): Putting Feelings into Words: Affect Labeling Disrupts Amygdala Activity in Response to Affective Stimuli. Psychological Science, 18(5). Grundlegende Studie zum Effekt des bewussten Benennens von Gefühlen auf die Amygdala-Aktivität.
  • Yoshimura, S., Shimomura, K. & Onoda, K. (2024): Diminished Negative Emotion Regulation through Affect Labeling and Reappraisal. BMC Psychology, 12(1). Aktuelle Studie, die den Effekt des Affect Labeling repliziert und mit erneuter Situationsbewertung kombiniert.
  • Emmerling, R. & Cherniss, C. (2025); Palmer, B. & Lee, A. (2025): Aktuelle Diskussion im Consulting Psychology Journal zur Kontextabhängigkeit und Trainierbarkeit emotionaler Intelligenz, mit Hinweis auf mögliche Schattenseiten eines hohen EQ in bestimmten Führungssituationen.

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