Warum ist derselbe Weg für den einen leicht und für den anderen unmöglich?
Selbstbestimmung ist das Bewusstsein, sich selbst oder eine Situation bewusst steuern zu können, statt ausgeliefert und passiv zu sein. Genau dieses Bewusstsein entscheidet oft mehr über deinen Weg als die äußeren Umstände selbst.
Warum Selbstbestimmung dein Selbstwertgefühl stärkt
Selbstbestimmtes Handeln steigert das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen. Umgekehrt hat das Erleben von Fremdbestimmung, das passive Hinnehmen von Tatsachen, eine gegenteilige Wirkung: das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl sinken.
Alte Gewohnheiten und eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster bewusst durchbrechen. Die Angst vor Veränderung durch ein Vorgehen in kleinen Schritten überwinden. Kosten-Nutzen-Überlegungen als Entscheidungshilfe nutzen. Die Konzentration bewusst auf die positiven Aspekte der Veränderung richten.
Veränderung als Chance
Unsere Lebenserwartung ist gestiegen. Je länger wir leben, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein ganzes Berufsleben lang an ein und demselben Arbeitsplatz bleiben oder nur einen einzigen Partner haben. Das Sinken dieser Wahrscheinlichkeit bedingt ein gleichzeitiges Ansteigen der Wahrscheinlichkeit von Veränderungen.
Veränderungen führen wir entweder willentlich herbei, etwa indem wir in eine andere Wohnung ziehen oder den Beruf wechseln, oder sie finden gegen unseren Willen statt und lassen uns nur wenig Handlungsspielraum, etwa bei Verlusterlebnissen. Wir stehen dabei häufiger als unsere Vorfahren an Weggabelungen. Das hat aber auch einen positiven Aspekt: Uns steht mehr Zeit zur Verfügung, Entscheidungen gut vorzubereiten, und wir haben die Chance, Fehlentscheidungen zu einem späteren Zeitpunkt durch Kurskorrekturen abzuschwächen.
Der Prozess der persönlichen Weiterentwicklung und des inneren Wachstums ist ein spannender, lang andauernder und oft auch mühevoller Vorgang, bei dem einander Erfolge und Rückschläge abwechseln. Die Frage „Was will ich wirklich?“ ist leicht zu stellen und oft sehr schwer zu beantworten, aber genau die Erkenntnis, dass du mehr willst, ist wesentlich für deine persönliche Entwicklung und Entfaltung.
Die Überzeugung, dass Fähigkeiten sich durch Einsatz und Übung entwickeln lassen, statt von Geburt an festzustehen, wird in der Forschung als wachstumsorientierte Denkhaltung bezeichnet. Eine aktuelle Untersuchung aus dem Jahr 2024 zeigt, dass entsprechende Interventionen vor allem bei Menschen mit ungünstigeren Ausgangsbedingungen spürbare Verbesserungen bei Motivation und mentaler Gesundheit bewirken können, während die Effekte auf die reine Leistung stärker variieren. Kritische Replikationsstudien mahnen dabei zur Vorsicht vor zu großen Erwartungen an einzelne kurze Interventionen, der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Denkhaltung und Umgang mit Rückschlägen gilt aber als gut belegt.
Dweck, C. S. (2006), Mindset: The New Psychology of Success; Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (2024); Sisk, V. F. et al. (2018), To What Extent and Under Which Circumstances Are Growth Mindsets Important? Psychological Science, 29(4).
Die Macht von Einstellungen und Erwartungen
Erwartungen und Einstellungen, die wir uns selbst gegenüber haben, beeinflussen unser Denken, unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle und unser Verhalten. Sind wir selbst grundsätzlich positiv eingestellt, werden unsere Gedanken vorwiegend positiv sein, wir werden an unserer Umgebung vorwiegend positive Dinge und Ereignisse wahrnehmen, die unser positives Selbstbild bestätigen.
Denk an einen Weg aus Holzbohlen, der einen Meter breit und fünfzig Meter lang auf dem Boden liegt. Sicher ist es dir möglich, diesen Weg ohne Zögern und ohne Angstgefühle zu betreten. Für viele Menschen ist die Situation völlig verändert, wenn dieser aus Holzbrettern gefertigte Weg hoch in der Luft, als schwankende Hängebrücke weit vom Boden entfernt ist. Sie sind nun nicht mehr in der Lage, den Weg als sicher und ungefährlich zu betrachten, und viele verzichten auf das Erlebnis, die Welt einmal aus dieser Perspektive zu genießen. Ihre Erwartung, dass sie es niemals schaffen können, blockiert dabei ihre Selbsteinschätzung.
Wie stark die eigene Erwartung, eine Aufgabe bewältigen zu können, das tatsächliche Verhalten beeinflusst, beschreibt das Konzept der Selbstwirksamkeit. Menschen mit hoher wahrgenommener Selbstwirksamkeit nähern sich schwierigen oder angstbesetzten Situationen eher an, zeigen mehr Ausdauer bei Rückschlägen und interpretieren dieselbe objektive Situation, etwa einen schwankenden Weg in großer Höhe, deutlich weniger bedrohlich als Menschen mit geringer Selbstwirksamkeitserwartung.
Bandura, A. (1997), Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman.
Erwartung an dich selbst → Wahrnehmung der Situation → Gefühl → Verhalten → bestätigt die ursprüngliche Erwartung
Positive wie negative Programmierung wirken auf dieselbe Weise, nur mit entgegengesetztem Ergebnis.
Übung: Deinen eigenen Weg finden
Denke an eine Veränderung, vor der du gerade zurückschreckst, so wie viele Menschen vor der Hängebrücke zurückschrecken, obwohl der Weg objektiv derselbe bleibt.
Beschreibe die Veränderung so konkret wie möglich, so wie sie objektiv aussieht, ohne deine Erwartung oder Angst hinzuzufügen.
Beschreibe daneben, welche Erwartung, welches Gefühl du zusätzlich in die Situation hineinträgst. Was genau macht aus dem breiten Weg auf dem Boden eine schwankende Hängebrücke in deinem Kopf?
Überlege einen kleinen, ersten Schritt, der der Veränderung näherkommt, aber klein genug ist, dass die Angst dabei kaum eine Rolle spielt, so, als würdest du den Weg zunächst nur einen halben Meter über dem Boden betreten.
Nicht jede Veränderung in deinem Leben suchst du dir aus, aber wie du ihr begegnest, mit Vertrauen oder mit Misstrauen, mit kleinen Schritten oder mit Vermeidung, entscheidest du selbst.
Oft ist es weniger die Aufgabe selbst, die dich zurückhält, als die Erwartung, die du ihr gegenüber mitbringst.
Welcher deiner aktuellen Wege liegt eigentlich auf dem Boden, fühlt sich in deinem Kopf aber an wie eine Hängebrücke?
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Bandura, A. (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman. Grundlagenwerk zum Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung und ihrem Einfluss auf Verhalten in schwierigen Situationen.
- Dweck, C. S. (2006): Mindset: The New Psychology of Success. Random House. Grundlagenwerk zur Unterscheidung zwischen wachstumsorientierter und statischer Denkhaltung.
- Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) (2024): Aktuelle Untersuchung zu Growth-Mindset-Interventionen, mit deutlicheren Effekten bei Menschen mit ungünstigeren Ausgangsbedingungen.
- Sisk, V. F., Burgoyne, A. P., Sun, J., Butler, J. L. & Macnamara, B. N. (2018): To What Extent and Under Which Circumstances Are Growth Mindsets Important to Academic Achievement? Psychological Science, 29(4). Kritische Meta-Analyse, die zur vorsichtigen Einordnung der Effektstärke von Growth-Mindset-Interventionen mahnt.

