Wo Stift und Sinn sich begegnen, verwandelt sich Wissen in neue Ideen.

Illustration einer Frau von hinten mit einem sehr großen, überladenen Rucksack, aus dem mehrere zusammengerollte Decken und Taschen herausragen. Rechts daneben steht auf dunkelblauem Hintergrund der Text: „Selbstbestimmung heißt: Den Rucksack weitertragen, oder unnötigen Ballast endlich ablegen.“ Die Darstellung symbolisiert die freie Entscheidung, Belastungen beizubehalten oder loszulassen.

Wie sehr prägt deine Kindheit noch dein Leben als Erwachsener?

Wer Sie sind, warum Sie welche Entscheidungen im Leben so getroffen haben, welche Möglichkeiten Sie ungenutzt an sich vorüberziehen lassen und wie Sie Ihr soziales Umfeld gestalten, wurde sehr wesentlich durch die Sozialisation geprägt.


Normen, Einstellungen, Rollen, Erwartungen und Überzeugungen haben ihre Ursache in den Erfahrungen, die Sie als Kind gemacht haben. Dennoch sind diese Prägungen kein unabänderliches Schicksal.

Der Rucksack, den Sie nicht selbst gepackt haben

Wenn Sie als Kind wenig Geborgenheit erlebt haben oder unter ungünstigen sozialen Bedingungen aufgewachsen sind, schleppen Sie diese Prägungen und Erfahrungen wie einen schweren Rucksack mit sich herum. Selbstbestimmung bedeutet dann, dass Sie die Möglichkeit haben, nichts auszupacken und den Rucksack weiter mit sich herumzuschleppen, oder sich zu entschließen, unnötigen Ballast abzulegen.

Botschaften, die an Sie gerichtet waren, festgelegte Rollen, irrationale Überzeugungen und unerfüllbare Erwartungen können Sie in Ihrer Entwicklung hindern. Genau deshalb lohnt sich der bewusste Blick zurück, nicht um dort zu verweilen, sondern um zu erkennen, was heute noch trägt und was eher belastet.

Reflexion statt Schuldzuweisung

Eine Standortbestimmung darf nicht mit einer Schuldzuweisung an die Eltern oder den Partner gleichgesetzt werden. Die Erwartungen und Botschaften, die Ihre Eltern an Sie gerichtet haben, waren durchaus mit positiven Absichten verbunden, auch wenn sie im Ergebnis einengend gewirkt haben.

Wichtig zu wissen

Eltern geben in der Regel das weiter, was sie selbst gelernt haben, meist in bestem Wissen und Gewissen. Reflexion sucht keine Schuldigen, sondern versteht, welche Denkmuster heute noch den eigenen Blick einengen.

Drei Ebenen selbstbestimmter Veränderung

Selbstbestimmte Veränderung bedeutet Auseinandersetzung und Reflexion mit drei zusammenhängenden Ebenen.

Die Lerngeschichte

Verständnis erlangen und Zusammenhänge erkennen zwischen kindlicher Erfahrung und jetzigem Verhalten.

Das kindliche Weltbild

Lernen, dass die Menschen im heutigen Erwachsenenalter anders reagieren als früher die Eltern dem Kind gegenüber reagiert haben.

Das kindliche Selbstbild

Erkennen, wie sehr das heutige Selbstbild noch von kindlichen Bedürfnissen und Erwartungen geprägt ist.

Vom Rucksack zur bewussten Wahl

Kindliche Erfahrung → Lerngeschichte, Weltbild, Selbstbild verstehen → kritische Reflexion → Entscheidung: Bleiben oder Verändern

Erst die Standortbestimmung bildet die Grundlage für eine selbstbestimmte Veränderung.

Warum sich ein Blick zurück lohnt

Wenn Sie sich noch besser kennenlernen und Ihre berufliche und private Zukunft aktiv gestalten möchten, ist ein Blick in Ihre Vergangenheit unumgänglich. Das Wissen über das eigene Ich und über die in der Kindheit erworbenen Verhaltensweisen kann sehr wesentlich dabei helfen, Ziele aufzuspüren und schließlich zu erreichen.

Erworbene Erfahrungen geben Sicherheit, können aber auch hemmen. Denkmuster, Gewohnheiten und Überzeugungen können den Blick einengen und Möglichkeiten von Veränderung verhindern. Eine kritische Reflexion in Form einer Standortbestimmung bedeutet dabei nicht, sofort alles über Bord zu werfen.

Die Einstellung sich selbst gegenüber

Die Einstellung sich selbst gegenüber prägt weitgehend die eigene Lebensgestaltung. Meinungen und Bewertungen der eigenen Person, ob man gut oder böse, wertvoll oder wertlos war, haben ihren Ursprung in der frühen Kindheit, in einer Zeit also, in der andere über einen selbst befunden haben.

Nicht nur Sprache

Positive und negative Bewertungen der eigenen Person sind nicht ausschließlich über Sprache geschehen. Ein Tonfall, ein wiederholter Blick oder Aufmerksamkeit, die mit großer Häufigkeit ausblieb, prägen mindestens so stark wie ein einzelner Satz.

Erst dann, wenn die Standortbestimmung die Grundlage bildet, kann die Entscheidung zwischen Bleiben oder Ändern bewusst getroffen werden.


Fazit für deinen Alltag

Prägungen aus der Kindheit sind kein Urteil und keine Anklage an die eigenen Eltern. Sie sind ein Ausgangspunkt, von dem aus sich Lerngeschichte, Weltbild und Selbstbild bewusst betrachten lassen.

Erst wer versteht, woher Denkmuster und Bewertungen stammen, gewinnt die eigentliche Wahlfreiheit zurück: sie beizubehalten oder sie zu verändern.

Welche Erwartung aus deiner Kindheit trägt dich heute noch, und welche hält dich eher zurück?



Wissenschaftlicher Hintergrund

  • Bowlby, J. (1969): Attachment and Loss, Vol. 1: Attachment. Basic Books. Grundlagenwerk zur Bindungstheorie, das beschreibt, wie frühe Beziehungserfahrungen als innere Arbeitsmodelle bis ins Erwachsenenalter fortwirken.
  • Erikson, E. H. (1950): Childhood and Society. Norton. Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung, das zeigt, wie sich in jeder Kindheitsphase ein bestimmtes psychisches Grundthema wie Vertrauen oder Autonomie herausbildet.
  • Bandura, A. (1977): Social Learning Theory. Prentice-Hall. Beschreibt, wie Kinder Verhaltensmuster, Rollen und Bewältigungsstrategien durch Beobachtung und Nachahmung ihrer Bezugspersonen übernehmen.
  • Harter, S. (1999): The Construction of the Self: A Developmental Perspective. Guilford Press. Zeigt, wie sich das kindliche Selbstbild schrittweise aus den Rückmeldungen wichtiger Bezugspersonen zusammensetzt.
  • Grawe, K. (2004): Neuropsychotherapie. Hogrefe. Beschreibt, wie sich frühe Beziehungsmuster neuronal verfestigen und durch bewusste, wiederholte Erfahrung verändert werden können.
  • Rogers, C. R. (1961): On Becoming a Person. Houghton Mifflin. Klassischer Text zur Bedeutung von Selbstakzeptanz und wertfreier Selbstbetrachtung als Grundlage echter, selbstbestimmter Veränderung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Letzte Kommentare

Es sind keine Kommentare vorhanden.