Lichtblicke sind die kleinen Momente, in denen das Leben uns zulächelt.

Entwicklungspsychologie & Neurowissenschaft

Wer formt eigentlich, wer dein Kind einmal wird: die Schule oder dein Kind selbst?

Mehrere Jahre lang, jeden Schultag aufs Neue: eine Aufgabe wird gestellt, bearbeitet, bewertet, zurückgemeldet. Der Entwicklungspsychologe Helmut Fend nennt das treffend „unzählige Interaktionsschleifen“. Was sich anhört wie trockene Schulroutine, ist in Wahrheit einer der stärksten Kräfte überhaupt, die formen, wie ein junger Mensch später über sich selbst denkt.

Dieser Artikel enthält einige Bereiche zum Aufklappen, erkennbar am i-Symbol.


1Zwei Zutaten für gelingende Entwicklung

Der Bildungsforscher Helmut Fend untersuchte in den bekannten Konstanzer Längsschnittstudien, was Jugendlichen dabei hilft, altersspezifische Entwicklungsaufgaben erfolgreich zu meistern. Seine Antwort läuft auf zwei Ressourcen-Arten hinaus, die zusammenspielen müssen.

i Persönliche Ressourcen
Soziokognitive Kompetenzen wie Sprache und Rollenverständnis, dazu die sogenannte Ich-Stärke: das positive Verhältnis eines Menschen zu sich selbst.
i Soziale Ressourcen
Das elterliche Stützsystem, unterstützende Lehrkräfte und eine tragfähige Klassengemeinschaft, jeweils gemessen daran, wie viel Anregung, Freiraum und Beziehungsqualität sie bieten.

Erst im Zusammenspiel aus beidem, plus tatsächlichen Erfolgserlebnissen im Leistungs- und im sozialen Bereich, gelingt das, was Fend „produktive Problembewältigung“ nennt.

2Was Ich-Stärke wirklich bedeutet

Ich-Stärke klingt nach großem Wort, meint aber etwas sehr Konkretes: das Bewusstsein, Anforderungen gewachsen zu sein. Fend unterteilt sie in drei Dimensionen. Klick dich durch.

i Positives Selbstbild
Setzt sich zusammen aus dem Selbstkonzept des Aussehens, dem Selbstkonzept der eigenen Begabung und grundlegender Selbstakzeptanz.
i Kompetenzbewusstsein
Das Zutrauen, schulische Anforderungen, die eigene Zukunft und das eigene Handeln aktiv steuern zu können, nicht nur passiv zu erleben.
i Psychische Stabilität
Die Fähigkeit, eigene Emotionen zu regulieren, und ein gesunder Umgang mit schulischer Leistungsangst.
Selbstbezogene Kognitionen

Ein Teil dieser Dimensionen lässt sich inzwischen bis auf die Ebene des Gehirns zurückverfolgen: Wenn Menschen beurteilen, ob eine Eigenschaft auf sie selbst zutrifft, zeigt sich im medialen präfrontalen Cortex eine deutlich stärkere Aktivität als bei der Beurteilung fremder Personen. Genau diese Hirnregion scheint mitzuentscheiden, welches Feedback als „zu mir gehörig“ abgespeichert wird, was erklärt, warum jahrelange Rückmeldungen aus der Schule so tief ins Selbstbild einsickern können.

Kelley, W. M. et al. (2002), Finding the Self? An Event-Related fMRI Study. Journal of Cognitive Neuroscience, 14(5).


3Die eigentliche Entwicklungsaufgabe: Erfolg und Misserfolg

Fend bringt es auf einen einfachen Nenner: „Mit Schule umgehen zu lernen“ bedeutet für Kinder und Jugendliche vor allem eines, mit Erfolg und mit Misserfolg umgehen zu lernen. Entscheidend ist dabei weniger die Note selbst als die Erklärung, die sich ein Kind für sie zurechtlegt.

i
Aha-Moment

Zwei Kinder schreiben dieselbe schlechte Mathearbeit. Warum steckt es das eine locker weg und das andere zieht sich wochenlang zurück?

Die Attributionstheorie Der Psychologe Bernard Weiner zeigte, dass entscheidend ist, worauf ein Kind einen Misserfolg zurückführt. „Ich hatte diesmal einfach zu wenig geübt“ lässt sich beim nächsten Mal ändern. „Ich bin einfach schlecht in Mathe“ wird dagegen leicht zu einer stabilen, kaum veränderbaren Selbsteinschätzung. Dieselbe Note, aber zwei völlig unterschiedliche Weichenstellungen fürs Selbstbild.
Growth Mindset

Daran knüpft die Forschung der Psychologin Carol Dweck an: Kinder, die glauben, Fähigkeiten seien grundsätzlich entwickelbar, gehen mit Rückschlägen anders um als Kinder, die Fähigkeiten für weitgehend festgelegt halten. Entscheidend geprägt wird diese Grundhaltung durch die Art des Lobs, das ein Kind erhält, Lob für Anstrengung und Strategie wirkt hier nachweislich anders als Lob für vermeintlich angeborene Intelligenz.

Weiner, B. (1985), An Attributional Theory of Achievement Motivation and Emotion. Psychological Review, 92(4).; Dweck, C. S. (2006), Mindset: The New Psychology of Success. Random House.


4Nicht die Umwelt zählt, sondern wie sie ankommt

Die Forscher Reinhard Pekrun und Andreas Helmke ergänzten Fends Modell um eine Beobachtung, die für den Alltag von Eltern besonders hilfreich ist: Nicht die objektive Umwelt prägt die Persönlichkeit eines Kindes, sondern dessen subjektive Wahrnehmung und Interpretation dieser Umwelt.

Was das konkret bedeutet

Zwei Kinder derselben Klasse, mit demselben Lehrer und denselben Regeln, können diese Umwelt völlig unterschiedlich erleben. Ein strenger, aber fairer Lehrer wirkt auf das eine Kind motivierend, auf das andere einschüchternd. Für die Persönlichkeitsentwicklung zählt am Ende nicht, wie die Situation objektiv war, sondern wie sie im Kopf des Kindes angekommen ist.

Noch spannender: Pekrun und Helmke zeigen, dass der Einfluss keine Einbahnstraße ist. Ein Kind formt seine schulische Umwelt aktiv mit, durch sein eigenes Verhalten verändert es, wie Lehrkräfte und Mitschülerinnen auf es reagieren, was wiederum zurück auf sein Selbstbild wirkt, ein sich stetig drehendes Wechselspiel statt einer einseitigen Prägung von außen.


5Was Eltern daraus konkret mitnehmen können

Ein kurzer Selbstcheck für den Elternalltag

Fazit für den Alltag

Schule prägt die Persönlichkeit eines jungen Menschen nicht durch einzelne große Ereignisse, sondern durch tausende kleine Interaktionsschleifen aus Erwartung, Leistung und Rückmeldung. Entscheidend ist dabei nicht in erster Linie, was objektiv passiert, sondern wie ein Kind es für sich erklärt, und genau an dieser Erklärung können Eltern und Lehrkräfte tatsächlich mitwirken.

Welche Erklärung hat dein Kind sich zuletzt für einen Misserfolg selbst gegeben, und war das eher eine veränderbare oder eine festgeschriebene Geschichte?


Wissenschaftlicher Hintergrund
  • Fend, H. (1990): Vom Kind zum Jugendlichen. Huber. Grundlagenwerk zum Modell der produktiven Problembewältigung, entwickelt im Rahmen der Konstanzer Längsschnittuntersuchungen.
  • Fend, H. (1997): Der Umgang mit Schule in der Adoleszenz. Huber. Vertiefung der Entwicklungsaufgabe „Umgang mit Schule“ als zentrale Aufgabe des Jugendalters.
  • Fend, H. (2003): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Leske + Budrich. Weiterführung des handlungstheoretischen Modells und der Leistungsidentität.
  • Pekrun, R. & Helmke, A. (1991): Schule und Persönlichkeitsentwicklung: Theoretische Perspektiven und Ergebnisse aus dem Munich Longitudinal Study on the Genesis of Individual Competencies. In: Pekrun, R. & Fend, H. (Hrsg.), Schule und Persönlichkeitsentwicklung. Enke. Ursprung des Rahmenmodells zu subjektiven und objektiven Entwicklungsumwelten.
  • Kelley, W. M. et al. (2002): Finding the Self? An Event-Related fMRI Study. Journal of Cognitive Neuroscience, 14(5). Grundlegende Studie zur Rolle des medialen präfrontalen Cortex bei selbstbezogenen Kognitionen.
  • Weiner, B. (1985): An Attributional Theory of Achievement Motivation and Emotion. Psychological Review, 92(4). Grundlagenwerk der Attributionstheorie zu Erfolg und Misserfolg.
  • Dweck, C. S. (2006): Mindset: The New Psychology of Success. Random House. Forschung zu Growth Mindset und dessen Prägung durch die Art des elterlichen und schulischen Lobs.
  • Bronfenbrenner, U. (1979): The Ecology of Human Development. Harvard University Press. Grundlage der Unterscheidung zwischen Mikro- und Makroebene menschlicher Entwicklungsumwelten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Letzte Kommentare

Es sind keine Kommentare vorhanden.