Selbstcoaching: Dein eigener Weg beginnt bei dir

Handgezeichnete Karikatur einer Frau an einer Weggabelung. Sie blickt skeptisch auf einen Wegweiser mit der Aufschrift „Das macht man so!“ und denkt „Ach ja?“. Daneben steht: „Dein Leben ist zu kurz, um fremden Erwartungen zu folgen.“

Wie findest du heraus, was wirklich dein Weg ist?


Gestatten, dein Ich. Bevor irgendjemand anderes dir sagt, wer du sein solltest, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die Person, die du ohnehin schon bist, nur eben manchmal ziemlich gut versteckt hinter fremden Erwartungen. Sei für die nächsten Minuten dein eigener Coach.

Auf einen Blick
  • Fremde Sätze aus der Kindheit prägen deine Selbstwirksamkeit bis heute mit.
  • Dein blinder Fleck lässt sich nur durch ehrliches Feedback von außen verkleinern.
  • Konkrete, nach dem SMART-Modell formulierte Ziele wirken stärker als vage Vorsätze.

Zum Aufklappen: Tippe auf die Kacheln.


1Die Sätze, die uns kleinhalten

Kaum jemand startet mit einem klaren Bild davon, was er kann und was er will. Stattdessen sammeln sich über die Jahre Sätze an, oft gut gemeint, die trotzdem eine bremsende Wirkung entfalten. Klick sie an und schau, ob dir der eine oder andere bekannt vorkommt.

„Das kannst du nicht!“
Eine Fremdeinschätzung, oft ungeprüft übernommen, die mit der tatsächlichen Fähigkeit wenig zu tun haben muss.
„Das ist nichts für dich!“
Legt fest, was angeblich zu jemandem passt, meist auf Basis alter Bilder, nicht aktueller Fähigkeiten.
„Lass das lieber andere machen!“
Klingt fürsorglich, verhindert aber genau die Erfahrung, die für eigenes Zutrauen nötig wäre.
Selbstwirksamkeit

Der Psychologe Albert Bandura zeigte, dass der Glaube an die eigene Fähigkeit, eine Aufgabe zu bewältigen, die sogenannte Selbstwirksamkeit, maßgeblich davon abhängt, welche Rückmeldungen ein Mensch über Jahre erhalten hat. Wiederholt gehörte Sätze wie die oben genannten sinken dabei nicht nur ins Bewusstsein, sondern tief ins Selbstbild, mit spürbaren Folgen dafür, was sich jemand später überhaupt zutraut.

Bandura, A. (1997), Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman.


2Warum wir uns so bereitwillig anpassen

Ein kleines Bild bringt es auf den Punkt: ein Fisch, eingesperrt in einer viel zu engen Muschel. Sich anzupassen wird uns von Geburt an beigebracht, dabei wollen wir doch eigentlich so sein, wie wir sind. Zahlreiche Einflüsse formen im Laufe eines Lebens mit, wer wir zu sein glauben, darunter Familie, Umfeld, Arbeit, Religion, Schule, Geschlecht, Bildung, Alter, Erfahrungen, Freunde und Kultur.

Warum das so schwer wiegt

Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan beschreibt Autonomie, das eigene Handeln als selbst gewählt zu erleben, als eines von drei psychologischen Grundbedürfnissen des Menschen, neben Kompetenz und sozialer Eingebundenheit. Wird dieses Bedürfnis dauerhaft übergangen, sinken nachweislich Motivation und Wohlbefinden, selbst wenn äußerlich alles in Ordnung erscheint.


3Zwei Rollen, ein Selbstcheck

Manche Menschen sehen sich eher als weltverbessernden Lichtblick, der etwas bewegen will, andere eher als genügsamen Fels, der Ruhe und Verlässlichkeit ausstrahlt. Beides sind vollwertige, gleichwertige Lebensentwürfe, keine Rangfolge. Klick dich durch beide und überlege, wo du dich eher wiedererkennst.

Weltverbessernder Lichtblick
Treibende Werte: aktiv etwas bewegen wollen, Zufriedenheit durch Wirkung, Glück durch Selbstverwirklichung nach außen.
Genügsamer Fels
Treibende Werte: innerer Frieden, bewusste Genügsamkeit, Glück durch das Gefühl, für andere ein verlässlicher Halt zu sein.

Frei nach einem bekannten Gedanken von Stephen Covey lässt sich persönliche Führung so beschreiben: die eigenen Werte und Visionen im Blick zu behalten und das eigene Leben bewusst danach auszurichten, statt sich treiben zu lassen.


4Der blinde Fleck

Aha-Moment

Warum kennen andere Menschen manchmal Talente an dir, die dir selbst gar nicht bewusst sind?

Das Johari-Fenster Die Psychologen Joseph Luft und Harrington Ingham beschrieben 1955 ein Modell mit vier Bereichen des Selbst: was du und andere über dich wissen, was nur du weißt, was nur andere wissen, dein sogenannter blinder Fleck, und was noch niemand weiß. Gezieltes Nachfragen bei Menschen, die dich gut kennen, ist damit eine der wenigen echten Abkürzungen zur Selbsterkenntnis.
Johari-Fenster

Besonders der blinde Fleck lässt sich kaum allein verkleinern, dafür braucht es ehrliches Feedback von außen. Wer regelmäßig gezielt danach fragt, was andere an einem schätzen oder für selbstverständlich halten, verkleinert diesen blinden Bereich systematisch, ganz ohne aufwendige Selbstanalyse.

Luft, J. & Ingham, H. (1955), The Johari Window: A Graphic Model for Interpersonal Relations. Proceedings of the Western Training Laboratory in Group Development.

5Der Gedanke, der Klarheit schafft

Wer unsicher ist, ob eine Veränderung wirklich nötig ist, kann auf einen Gedanken des Philosophen Friedrich Nietzsche zurückgreifen, ursprünglich als Gedankenexperiment zur „ewigen Wiederkehr“ formuliert.

Zum Ausprobieren

Stell dir vor, du müsstest dein jetziges Leben, genau so wie es gerade ist, unzählige Male wiederholen, immer wieder von vorn. Wie fühlt sich dieser Gedanke an?

Fühlt sich der Gedanke eher gut an, spricht das für ziemlich viel Übereinstimmung zwischen deinem jetzigen Leben und dem, was dir wichtig ist. Meldet sich dagegen ein deutliches Unbehagen, ist genau das ein Hinweis darauf, wo eine Veränderung ansetzen könnte, nicht als Drohung gemeint, sondern als ehrlicher Kompass.

6Dein Rundum-Check in sechs Bereichen

Ziele, die sich nur auf einen einzigen Lebensbereich konzentrieren, geraten leicht aus der Balance. Sinnvoller ist ein Blick auf alle Bereiche gemeinsam: gesundheitlich, geistig, ethisch-seelisch, finanziell, sozial und familiär.

Zielsetzungstheorie

Die Zielsetzungstheorie von Edwin Locke und Gary Latham gehört zu den am besten belegten Theorien der Motivationspsychologie: Konkrete, herausfordernde, aber erreichbare Ziele führen zuverlässig zu besseren Ergebnissen als vage Vorsätze wie „mehr Sport machen“ oder „gesünder leben“.

Locke, E. A. & Latham, G. P. (2002), Building a Practically Useful Theory of Goal Setting and Task Motivation. American Psychologist, 57(9).

Dein kurzer Rundum-Check
  • Gesundheitlich: Ich habe einen konkreten Wunsch für diesen Bereich notiert.
  • Geistig: Ich weiß, was mich gerade intellektuell wachsen lässt.
  • Ethisch-seelisch: Ich kenne einen Wert, der mir aktuell besonders wichtig ist.
  • Finanziell: Ich habe ein realistisches, konkretes Ziel vor Augen.
  • Sozial: Ich weiß, welche Beziehung mir gerade am meisten gibt.
  • Familiär: Ich habe einen Wunsch für dieses Umfeld klar formuliert.

Aus diesem Rundum-Check lässt sich eine feste Jahresübung machen: Schreib dir zu jedem deiner Lebensbereiche einen Wunsch auf, formuliere ihn nach dem SMART-Modell und visualisiere das Ergebnis anschließend auf einer Collage. Einmal im Jahr wiederholt, wirst du merken, dass sich deine Ziele mit der Zeit von selbst anpassen und du sie zunehmend schneller erreichst.

Das SMART-Modell
Spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert: Aus „mehr Sport machen“ wird so „zweimal pro Woche 30 Minuten laufen, ab kommendem Montag, bis Ende März“. Genau diese Konkretheit ist es, die laut Locke und Latham weiter oben den entscheidenden Unterschied macht.
Die Visualisierungs-Technik
Die Psychologin Gabriele Oettingen fand heraus, dass reines positives Fantasieren allein kaum wirkt. Erst wer sein Wunschbild bewusst den möglichen Hindernissen gegenüberstellt, das sogenannte mentale Kontrastieren, setzt tatsächlich mehr Energie für die Umsetzung frei.
Auf den Punkt

Deinen eigenen Weg zu finden bedeutet nicht, alles neu zu erfinden, sondern die fremden Sätze, den blinden Fleck und die vagen Vorsätze bewusst gegen eigene, überprüfte Antworten einzutauschen. Jeder der sechs Lebensbereiche verdient dabei seine eigene, ehrliche Antwort.

Welchen der sechs Bereiche hast du zuletzt am längsten vernachlässigt?


Häufige Fragen
  • Was ist Selbstwirksamkeit? Der Glaube an die eigene Fähigkeit, eine Aufgabe erfolgreich zu bewältigen, geprägt durch Erfahrungen und Rückmeldungen aus der Vergangenheit.
  • Was ist das Johari-Fenster? Ein Modell von Luft und Ingham, das vier Bereiche des Selbst unterscheidet, darunter den blinden Fleck, den nur andere an dir sehen können.
  • Wie setzt man Ziele richtig? Konkret, messbar und mit klarer Frist nach dem SMART-Modell, kombiniert mit mentalem Kontrastieren statt reinem positivem Fantasieren.
Wissenschaftlicher Hintergrund
  • Bandura, A. (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman. Grundlagenwerk zur Selbstwirksamkeit.
  • Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000): The „What“ and „Why“ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4). Grundlage der Selbstbestimmungstheorie.
  • Covey, S. R. (1989): The 7 Habits of Highly Effective People. Free Press. Ursprung des Gedankens zur persönlichen Führung.
  • Luft, J. & Ingham, H. (1955): The Johari Window: A Graphic Model for Interpersonal Relations. Proceedings of the Western Training Laboratory in Group Development.
  • Nietzsche, F. (1882): Die fröhliche Wissenschaft. Ursprung des Gedankens der ewigen Wiederkehr.
  • Locke, E. A. & Latham, G. P. (2002): Building a Practically Useful Theory of Goal Setting and Task Motivation. American Psychologist, 57(9).
  • Oettingen, G. (2014): Rethinking Positive Thinking: Inside the New Science of Motivation. Current. Grundlagenwerk zum mentalen Kontrastieren.