Emotionspsychologie & Neurowissenschaft
Warum weinen wir ausgerechnet dann, wenn wir es am wenigsten wollen?
Mitten im wichtigen Gespräch, kurz bevor du eigentlich ruhig und sachlich bleiben wolltest, brennen plötzlich die Augen. Genau in dem Moment, in dem du am meisten Kontrolle haben willst, verlierst du sie am ehesten. Das ist kein Zufall und schon gar keine Schwäche, sondern lässt sich erstaunlich genau erklären.
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1Warum Weinen überhaupt wichtig ist
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das aus rein emotionalen Gründen weint. Lange galt Weinen vor allem als Ventil, das inneren Druck ablässt. Inzwischen zeigt die Forschung, dass Tränen noch etwas anderes leisten: Sie kommunizieren nach außen, ganz ohne Worte, und lösen bei anderen Menschen tatsächlich messbare Reaktionen aus.
Aha-MomentKönnen Tränen die Chemie im Körper einer anderen Person verändern, rein durch ihren Geruch?
Weinen unterstützt nachweislich soziales Verhalten wie Hilfe und Trost, und das gilt interessanterweise auch für Freudentränen. Diese soziale Signalwirkung gilt als eine der plausibelsten Erklärungen dafür, warum sich das Weinen aus emotionalen Gründen evolutionär bis heute gehalten hat, obwohl es kurzfristig verletzlich macht.
Agron, S. et al. (2023), Chemosignals from Human Female Tears Elicit a Physiological Reduction in Male Aggression. PLOS Biology.
2Warum manche mehr weinen als andere
Dass manche Menschen bei jedem rührenden Werbespot Tränen in den Augen haben und andere selbst bei einer Beerdigung trocken bleiben, hat wenig mit Kälte oder Sensibilität im moralischen Sinn zu tun. Eine große Metaanalyse von Lauren Bylsma und ihrem internationalen Team fasst zusammen, was Persönlichkeit und Bindungsstil damit zu tun haben.
Bindungsängstlich
Bindungsvermeidend
Auch Persönlichkeitsmerkmale spielen eine Rolle: Empathische, extravertierte und offene Menschen weinen im Schnitt deutlich mehr, manche suchen sogar bewusst emotional berührende Filme, Musik oder Bücher auf. Und auch das Geschlecht macht einen großen Unterschied, allerdings nicht von Geburt an.
Im Kindesalter weinen Jungen und Mädchen noch etwa gleich häufig. Eine Studie in 37 Ländern zeigt, dass sich das ungefähr im Alter von elf Jahren ändert, von da an weinen Frauen im Erwachsenenalter deutlich häufiger als Männer. Auch kulturelle Prägung spielt eine Rolle: In individualistisch geprägten Ländern wie den Niederlanden, Schweden oder den USA wird häufiger geweint als in Ländern mit stärkerer emotionaler Zurückhaltung wie Japan oder Ghana.
Bylsma, L. M. et al., Metaanalyse zum Weinverhalten, University of Pittsburgh mit Forschenden aus den Niederlanden und Kroatien; van Hemert, D., internationale Vergleichsstudie zu kulturellen Unterschieden im Weinverhalten.
3Weinen ist nicht gleich Weinen
Der größte Denkfehler rund ums Weinen ist vermutlich, es automatisch mit Trauer gleichzusetzen. Tatsächlich lösen ganz unterschiedliche, teils gegensätzliche Gefühle Tränen aus, und jedes davon hat seine eigene kleine Logik dahinter. Klick dich durch.
Freude
Wut
Angst
Überforderung
Besonders spannend ist der Befund zu Freudentränen: Menschen, die ihre Emotionen generell besonders intensiv erleben, neigen eher zu solchen gegensätzlichen Gefühlsausdrücken, sie lachen und weinen im selben Moment. Das deutet darauf hin, dass Tränen nicht das Gegenteil von Glück sind, sondern manchmal genau dessen Beweis.
Aragón, O. R., Forschung zu dimorphen Gefühlsausdrücken (u. a. Freudentränen), veröffentlicht in Psychological Science.
4Was passiert, wenn sich das Ventil öffnet
Kurz bevor die ersten Tränen fließen, passiert im Körper etwas Überraschendes: Die Herzfrequenz sinkt spürbar ab und pendelt sich danach wieder auf ihren Ausgangswert ein. Weinen wirkt dabei offenbar wie eine Art körpereigene Selbstberuhigung, vermutlich über eine veränderte Atmung und diese Herzfrequenz-Regulation.
Doch was genau löst diesen Moment aus? Ein deutsches Forschungsteam um Mara Barthelmäs befragte Menschen in Umfragen und Tagebüchern und fand fünf wiederkehrende Auslöser, die sich auffällig gut mit drei psychologischen Grundbedürfnissen erklären lassen: Nähe, Kompetenz und Autonomie. Klick dich durch die fünf Kategorien.
Einsamkeit
Harmonie
Überforderung
Machtlosigkeit
Medienkonsum
In den Untersuchungen von Barthelmäs und Kolleginnen weinten jüngere Menschen deutlich häufiger aus Überforderung, etwa im Job, als ältere. Das lässt sich als Hinweis darauf lesen, dass Erfahrung nicht nur beim Lösen von Aufgaben hilft, sondern auch bei der Einschätzung, was tatsächlich die eigene Kompetenz übersteigt und was nicht.
5Warum ausgerechnet der falsche Moment
Und jetzt zu der Frage, die diesen Artikel eigentlich ausgelöst hat: Warum kommen die Tränen so zuverlässig genau dann, wenn du sie am wenigsten gebrauchen kannst, im Streitgespräch, im Meeting, in der Prüfung? Die Antwort liegt in einem Mechanismus, den der Sozialpsychologe Daniel Wegner 1994 beschrieben hat.
Aha-MomentWarum wird eine Emotion oft stärker, gerade weil du dich so sehr bemühst, sie zu unterdrücken?
Forschung zur Emotionsunterdrückung zeigt, dass bewusstes Zurückhalten von Gefühlen kognitive Ressourcen verbraucht, dieselben Ressourcen, die auch für Konzentration, Gedächtnis und besonnenes Reagieren gebraucht werden. Je länger und angestrengter eine Emotion unterdrückt wird, desto weniger Kapazität bleibt übrig, um genau das weiter zu leisten, mit dem Ergebnis, dass die Kontrolle in echten Belastungsmomenten zuerst nachlässt.
Wegner, D. M. (1994), Ironic Processes of Mental Control. Psychological Review, 101(1).; Richards, J. M. & Gross, J. J. (1999), Composure at Any Cost? The Cognitive Consequences of Emotion Suppression. Personality and Social Psychology Bulletin, 25(9).
Das erklärt übrigens auch, warum Tränen manchmal aus Wut oder Frust fließen, nicht aus Trauer, ein Phänomen, das viele als verwirrend erleben. Weinen scheint eher eine allgemeine Überlauf-Reaktion des Nervensystems auf zu intensive Anspannung zu sein, unabhängig davon, ob das zugrunde liegende Gefühl Trauer, Wut oder Ohnmacht ist.
6Drei Sätze, die es nicht leichter machen
Rund ums Weinen kursieren ein paar Sätze, die die meisten von uns schon gehört oder sogar selbst gedacht haben. Mit dem, was oben steht, lassen sie sich jetzt einordnen.
„Reiß dich zusammen“
„Auf Arbeit weint man nicht“
„Die weint doch nur wegen Mitleid“
7Dein kleiner Selbstcheck
Weinen ist keine Schwäche, die es zu vermeiden gilt, sondern ein soziales Signal mit messbarer Wirkung, ein Selbstberuhigungsmechanismus und, wenn es im falschen Moment kommt, meist ein Zeichen dafür, wie sehr du dich gerade zusammengerissen hast, nicht dafür, wie wenig.
Bei welcher der fünf Kategorien, Einsamkeit, Harmonie, Überforderung, Machtlosigkeit oder Medienkonsum, erwischt es dich am ehesten, und ausgerechnet in welchen Momenten versuchst du am meisten, es zu verbergen?
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Agron, S. et al. (2023): Chemosignals from Human Female Tears Elicit a Physiological Reduction in Male Aggression. PLOS Biology. Studie zur biochemischen Wirkung emotionaler Tränen auf das Verhalten anderer.
- Bylsma, L. M. et al.: Metaanalyse zum Weinverhalten (University of Pittsburgh, mit Forschenden aus den Niederlanden und Kroatien). Untersucht Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit, Bindungsstil und Weinhäufigkeit.
- Aragón, O. R.: Forschung zu dimorphen Gefühlsausdrücken, veröffentlicht in Psychological Science. Erklärt, warum überwältigende positive Gefühle wie Freude oder Erleichterung ebenfalls zu Tränen führen können.
- van Hemert, D.: Internationale Vergleichsstudie zu kulturellen Unterschieden im Weinverhalten zwischen individualistisch und kollektivistisch geprägten Ländern.
- Barthelmäs, M. et al.: Deutsche Studie zu fünf Kategorien emotionaler Tränen (Einsamkeit, Harmonie, Überforderung, Machtlosigkeit, Medienkonsum) im Zusammenhang mit den psychologischen Grundbedürfnissen nach Nähe, Kompetenz und Autonomie.
- Wegner, D. M. (1994): Ironic Processes of Mental Control. Psychological Review, 101(1). Grundlagenarbeit zum ironischen Prozess bei der Unterdrückung von Gedanken und Gefühlen.
- Richards, J. M. & Gross, J. J. (1999): Composure at Any Cost? The Cognitive Consequences of Emotion Suppression. Personality and Social Psychology Bulletin, 25(9). Zeigt die kognitiven Kosten aktiver Emotionsunterdrückung.
