Lichtblicke sind die kleinen Momente, in denen das Leben uns zulächelt.

Emotionspsychologie & Neurowissenschaft

Warum weinen wir ausgerechnet dann, wenn wir es am wenigsten wollen?

Mitten im wichtigen Gespräch, kurz bevor du eigentlich ruhig und sachlich bleiben wolltest, brennen plötzlich die Augen. Genau in dem Moment, in dem du am meisten Kontrolle haben willst, verlierst du sie am ehesten. Das ist kein Zufall und schon gar keine Schwäche, sondern lässt sich erstaunlich genau erklären.

Dieser Artikel enthält einige Bereiche zum Aufklappen, erkennbar am i-Symbol oder am Pfeil.


1Warum Weinen überhaupt wichtig ist

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das aus rein emotionalen Gründen weint. Lange galt Weinen vor allem als Ventil, das inneren Druck ablässt. Inzwischen zeigt die Forschung, dass Tränen noch etwas anderes leisten: Sie kommunizieren nach außen, ganz ohne Worte, und lösen bei anderen Menschen tatsächlich messbare Reaktionen aus.

i
Aha-Moment

Können Tränen die Chemie im Körper einer anderen Person verändern, rein durch ihren Geruch?

Ja, tatsächlich. Eine Studie von Shani Agron und Kolleginnen sammelte die Tränen junger Frauen, die traurige Filme sahen, und ließ Männer daran riechen, ohne dass diese wussten, was sie einatmeten. Das Ergebnis, im MRT sichtbar gemacht: Die Männer verhielten sich anschließend deutlich weniger aggressiv. Tränen scheinen also eine echte biochemische Botschaft zu senden, nicht nur ein sichtbares Zeichen zu sein.
Soziale Funktion

Weinen unterstützt nachweislich soziales Verhalten wie Hilfe und Trost, und das gilt interessanterweise auch für Freudentränen. Diese soziale Signalwirkung gilt als eine der plausibelsten Erklärungen dafür, warum sich das Weinen aus emotionalen Gründen evolutionär bis heute gehalten hat, obwohl es kurzfristig verletzlich macht.

Agron, S. et al. (2023), Chemosignals from Human Female Tears Elicit a Physiological Reduction in Male Aggression. PLOS Biology.

2Warum manche mehr weinen als andere

Dass manche Menschen bei jedem rührenden Werbespot Tränen in den Augen haben und andere selbst bei einer Beerdigung trocken bleiben, hat wenig mit Kälte oder Sensibilität im moralischen Sinn zu tun. Eine große Metaanalyse von Lauren Bylsma und ihrem internationalen Team fasst zusammen, was Persönlichkeit und Bindungsstil damit zu tun haben.

i Bindungsängstlich
Wer starke Angst vor dem Verlust wichtiger Beziehungen kennt, weint tendenziell häufiger, sowohl aus Kummer als auch vor Freude. Die eigene emotionale Reaktion ist hier meist gut zugänglich.
i Bindungsvermeidend
Wer Nähe eher meidet, weint seltener, wenn aber doch, dann meist aus akutem Schmerz statt aus Kummer. Die emotionale Reaktion wird hier oft länger zurückgehalten.

Auch Persönlichkeitsmerkmale spielen eine Rolle: Empathische, extravertierte und offene Menschen weinen im Schnitt deutlich mehr, manche suchen sogar bewusst emotional berührende Filme, Musik oder Bücher auf. Und auch das Geschlecht macht einen großen Unterschied, allerdings nicht von Geburt an.

Ab 11 Jahren

Im Kindesalter weinen Jungen und Mädchen noch etwa gleich häufig. Eine Studie in 37 Ländern zeigt, dass sich das ungefähr im Alter von elf Jahren ändert, von da an weinen Frauen im Erwachsenenalter deutlich häufiger als Männer. Auch kulturelle Prägung spielt eine Rolle: In individualistisch geprägten Ländern wie den Niederlanden, Schweden oder den USA wird häufiger geweint als in Ländern mit stärkerer emotionaler Zurückhaltung wie Japan oder Ghana.

Bylsma, L. M. et al., Metaanalyse zum Weinverhalten, University of Pittsburgh mit Forschenden aus den Niederlanden und Kroatien; van Hemert, D., internationale Vergleichsstudie zu kulturellen Unterschieden im Weinverhalten.


3Weinen ist nicht gleich Weinen

Der größte Denkfehler rund ums Weinen ist vermutlich, es automatisch mit Trauer gleichzusetzen. Tatsächlich lösen ganz unterschiedliche, teils gegensätzliche Gefühle Tränen aus, und jedes davon hat seine eigene kleine Logik dahinter. Klick dich durch.

i Freude
Bei überwältigender Freude, Erleichterung oder Stolz wirken Tränen wie ein Gegengewicht. Die Psychologin Oriana Aragón nennt das einen dimorphen Gefühlsausdruck: Ein zu intensives positives Gefühl wird durch das Weinen wieder in eine handhabbare Balance gebracht, ähnlich wie nervöses Lachen in angespannten Momenten.
i Wut
Wuttränen entstehen häufig dann, wenn Ärger auf Ohnmacht trifft, wenn eine Situation sich gerade nicht durch Handeln lösen lässt. Das Weinen tritt dann gewissermaßen an die Stelle der blockierten Handlung.
i Angst
Angsttränen begleiten oft Momente der Hilflosigkeit, in denen eine Bedrohung erkannt, aber nicht abgewendet werden kann. Emotionale Tränen enthalten dabei eine höhere Konzentration an Stresshormonen als die Tränen, die das Auge lediglich feucht halten.
i Überforderung
Wenn Anforderungen die eigene Kompetenz übersteigen, ist das einer der häufigsten Auslöser überhaupt. Mehr dazu gleich bei den fünf Auslöser-Kategorien.
Dimorphe Gefühle

Besonders spannend ist der Befund zu Freudentränen: Menschen, die ihre Emotionen generell besonders intensiv erleben, neigen eher zu solchen gegensätzlichen Gefühlsausdrücken, sie lachen und weinen im selben Moment. Das deutet darauf hin, dass Tränen nicht das Gegenteil von Glück sind, sondern manchmal genau dessen Beweis.

Aragón, O. R., Forschung zu dimorphen Gefühlsausdrücken (u. a. Freudentränen), veröffentlicht in Psychological Science.

4Was passiert, wenn sich das Ventil öffnet

Kurz bevor die ersten Tränen fließen, passiert im Körper etwas Überraschendes: Die Herzfrequenz sinkt spürbar ab und pendelt sich danach wieder auf ihren Ausgangswert ein. Weinen wirkt dabei offenbar wie eine Art körpereigene Selbstberuhigung, vermutlich über eine veränderte Atmung und diese Herzfrequenz-Regulation.

Doch was genau löst diesen Moment aus? Ein deutsches Forschungsteam um Mara Barthelmäs befragte Menschen in Umfragen und Tagebüchern und fand fünf wiederkehrende Auslöser, die sich auffällig gut mit drei psychologischen Grundbedürfnissen erklären lassen: Nähe, Kompetenz und Autonomie. Klick dich durch die fünf Kategorien.

i Einsamkeit
Das Bedürfnis nach Nähe bleibt unerfüllt, etwa nach einer Trennung oder in Zeiten von Isolation.
i Harmonie
Tiefe Verbundenheit wird gerade besonders spürbar, etwa in einem versöhnlichen Moment oder bei echter Nähe.
i Überforderung
Das Bedürfnis nach Kompetenz wird verletzt, die Anforderungen übersteigen spürbar die eigenen Kapazitäten.
i Machtlosigkeit
Das Bedürfnis nach Autonomie wird verletzt, eine Situation lässt sich nicht mehr selbst steuern oder beeinflussen.
i Medienkonsum
Ein Film, ein Buch oder ein Lied berührt stellvertretend genau eines der drei Grundbedürfnisse.
Interessant für den Berufsalltag

In den Untersuchungen von Barthelmäs und Kolleginnen weinten jüngere Menschen deutlich häufiger aus Überforderung, etwa im Job, als ältere. Das lässt sich als Hinweis darauf lesen, dass Erfahrung nicht nur beim Lösen von Aufgaben hilft, sondern auch bei der Einschätzung, was tatsächlich die eigene Kompetenz übersteigt und was nicht.

5Warum ausgerechnet der falsche Moment

Und jetzt zu der Frage, die diesen Artikel eigentlich ausgelöst hat: Warum kommen die Tränen so zuverlässig genau dann, wenn du sie am wenigsten gebrauchen kannst, im Streitgespräch, im Meeting, in der Prüfung? Die Antwort liegt in einem Mechanismus, den der Sozialpsychologe Daniel Wegner 1994 beschrieben hat.

i
Aha-Moment

Warum wird eine Emotion oft stärker, gerade weil du dich so sehr bemühst, sie zu unterdrücken?

Der ironische Prozess Um ein Gefühl zu unterdrücken, braucht dein Gehirn paradoxerweise eine Art inneren Wächter, der ständig prüft, ob das Gefühl noch da ist, und dafür muss er genau dieses Gefühl immer wieder ins Bewusstsein holen. Unter Stress oder wenn die geistige Kapazität ohnehin schon ausgelastet ist, etwa in einem angespannten Gespräch, wird dieser Wächter selbst müde. Das Ergebnis: Die unterdrückte Emotion bricht gerade dann besonders stark durch, wenn du am wenigsten Reserven hast, sie zu kontrollieren.
Begrenzte Kapazität

Forschung zur Emotionsunterdrückung zeigt, dass bewusstes Zurückhalten von Gefühlen kognitive Ressourcen verbraucht, dieselben Ressourcen, die auch für Konzentration, Gedächtnis und besonnenes Reagieren gebraucht werden. Je länger und angestrengter eine Emotion unterdrückt wird, desto weniger Kapazität bleibt übrig, um genau das weiter zu leisten, mit dem Ergebnis, dass die Kontrolle in echten Belastungsmomenten zuerst nachlässt.

Wegner, D. M. (1994), Ironic Processes of Mental Control. Psychological Review, 101(1).; Richards, J. M. & Gross, J. J. (1999), Composure at Any Cost? The Cognitive Consequences of Emotion Suppression. Personality and Social Psychology Bulletin, 25(9).

Das erklärt übrigens auch, warum Tränen manchmal aus Wut oder Frust fließen, nicht aus Trauer, ein Phänomen, das viele als verwirrend erleben. Weinen scheint eher eine allgemeine Überlauf-Reaktion des Nervensystems auf zu intensive Anspannung zu sein, unabhängig davon, ob das zugrunde liegende Gefühl Trauer, Wut oder Ohnmacht ist.


6Drei Sätze, die es nicht leichter machen

Rund ums Weinen kursieren ein paar Sätze, die die meisten von uns schon gehört oder sogar selbst gedacht haben. Mit dem, was oben steht, lassen sie sich jetzt einordnen.

i „Reiß dich zusammen“
Genau diese Aufforderung aktiviert den inneren Wächter aus dem ironischen Prozess weiter oben. Unterdrückung kostet Kraft und macht einen Ausbruch später eher wahrscheinlicher als seltener.
i „Auf Arbeit weint man nicht“
Die Forschung zeigt eher das Gegenteil: Gerade jüngere Berufstätige weinen laut der Barthelmäs-Studie besonders häufig aus beruflicher Überforderung. Der Satz beschreibt eine soziale Norm, nicht die Realität.
i „Die weint doch nur wegen Mitleid“
Weinen ist in aller Regel eine unwillkürliche Reaktion des autonomen Nervensystems, keine bewusst gewählte Strategie. Auffällig ist zudem: Dieser Verdacht der Berechnung trifft weinende Frauen deutlich häufiger als Männer, denen dasselbe Verhalten seltener unterstellt wird.

7Dein kleiner Selbstcheck

Beim nächsten Mal

Fazit für deinen Alltag

Weinen ist keine Schwäche, die es zu vermeiden gilt, sondern ein soziales Signal mit messbarer Wirkung, ein Selbstberuhigungsmechanismus und, wenn es im falschen Moment kommt, meist ein Zeichen dafür, wie sehr du dich gerade zusammengerissen hast, nicht dafür, wie wenig.

Bei welcher der fünf Kategorien, Einsamkeit, Harmonie, Überforderung, Machtlosigkeit oder Medienkonsum, erwischt es dich am ehesten, und ausgerechnet in welchen Momenten versuchst du am meisten, es zu verbergen?


Wissenschaftlicher Hintergrund
  • Agron, S. et al. (2023): Chemosignals from Human Female Tears Elicit a Physiological Reduction in Male Aggression. PLOS Biology. Studie zur biochemischen Wirkung emotionaler Tränen auf das Verhalten anderer.
  • Bylsma, L. M. et al.: Metaanalyse zum Weinverhalten (University of Pittsburgh, mit Forschenden aus den Niederlanden und Kroatien). Untersucht Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit, Bindungsstil und Weinhäufigkeit.
  • Aragón, O. R.: Forschung zu dimorphen Gefühlsausdrücken, veröffentlicht in Psychological Science. Erklärt, warum überwältigende positive Gefühle wie Freude oder Erleichterung ebenfalls zu Tränen führen können.
  • van Hemert, D.: Internationale Vergleichsstudie zu kulturellen Unterschieden im Weinverhalten zwischen individualistisch und kollektivistisch geprägten Ländern.
  • Barthelmäs, M. et al.: Deutsche Studie zu fünf Kategorien emotionaler Tränen (Einsamkeit, Harmonie, Überforderung, Machtlosigkeit, Medienkonsum) im Zusammenhang mit den psychologischen Grundbedürfnissen nach Nähe, Kompetenz und Autonomie.
  • Wegner, D. M. (1994): Ironic Processes of Mental Control. Psychological Review, 101(1). Grundlagenarbeit zum ironischen Prozess bei der Unterdrückung von Gedanken und Gefühlen.
  • Richards, J. M. & Gross, J. J. (1999): Composure at Any Cost? The Cognitive Consequences of Emotion Suppression. Personality and Social Psychology Bulletin, 25(9). Zeigt die kognitiven Kosten aktiver Emotionsunterdrückung.

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