Klimawandel oder nicht? Zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlicher Überzeugung
Ich stehe am Roten See in Mecklenburg-Vorpommern. Als Kind und Jugendliche war ich oft hier, von der Schule aus, mit Freunden, im Sommer zum Baden. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die große Kinderrutsche, die direkt ins Wasser führte. Heute ist sie verschwunden, nicht, weil sie marode war, sondern weil dort, wo früher Wasser war, heute trockenes Land liegt.
Der See verliert seit Jahren sichtbar an Wasser. Das Ufer wandert immer weiter zurück. Was früher selbstverständlich war, ist heute kaum noch wiederzuerkennen. Für mich stellt sich deshalb eine einfache Frage: Warum?
Wenn ich diese Beobachtung anspreche, höre ich häufig denselben Satz: „Das Klima hat sich schon immer verändert.“ Andere sagen sofort: „Das ist der Klimawandel.“ Zwischen diesen beiden Aussagen scheint oft nur Platz für Schwarz oder Weiß zu sein.
Wenn Beobachtung auf Überzeugung trifft
Doch genau dort beginnt das eigentliche Problem. Wissenschaft funktioniert nicht über Meinungen, sondern über überprüfbare Daten, Messungen und Studien. Gleichzeitig bilden Menschen ihre Überzeugungen selten ausschließlich aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die Psychologie zeigt, dass wir Informationen oft danach bewerten, ob sie zu unseren bisherigen Erfahrungen und unserem Weltbild passen. Wer sein Leben lang kalte Winter erlebt hat oder sich an frühere Dürrejahre erinnert, neigt eher dazu, aktuelle Veränderungen als natürliche Schwankungen einzuordnen.
Was wir persönlich erleben, erscheint uns oft aussagekräftiger als jahrzehntelange Messreihen von Wissenschaftlern. Ein einzelner kalter Winter wiegt im eigenen Erleben schwerer als eine über Jahrzehnte gemessene Erwärmungskurve, obwohl Letztere die verlässlichere Grundlage ist.
Der Satz, der nicht ganz falsch ist
Gerade deshalb hält sich der Satz „Das Klima hat sich schon immer verändert“ so hartnäckig. Er ist nicht einmal falsch. Tatsächlich hat sich das Erdklima über Millionen Jahre immer wieder verändert, durch Vulkanausbrüche, Veränderungen der Erdumlaufbahn oder Schwankungen der Sonnenaktivität. Die entscheidende wissenschaftliche Frage lautet jedoch: Warum verändert sich das Klima heute so schnell? Und welche Rolle spielt der Mensch dabei?
Was der Weltklimarat dazu sagt
Der Weltklimarat kommt in seinem sechsten Sachstandsbericht zu einem eindeutigen Ergebnis: Die globale Oberflächentemperatur lag im letzten Jahrzehnt rund 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau, und es gilt als wissenschaftlich gesichert, dass durch menschliche Aktivitäten verursachte Treibhausgasemissionen diese Erwärmung maßgeblich verursacht haben. Besonders in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Geschwindigkeit vieler Veränderungen im Klimasystem noch einmal beschleunigt.
IPCC (2021, 2023), Sechster Sachstandsbericht (AR6), Arbeitsgruppe I und Synthesebericht.
Der Rote See als Beispiel
Der Rote See liefert dafür ein anschauliches Beispiel.
Der im November 2024 vorgestellte Klimareport Mecklenburg-Vorpommern des Deutschen Wetterdienstes liefert dazu passende regionale Daten: Die bisher höchsten durchschnittlichen Jahrestemperaturen im Land wurden 2019 und 2020 verzeichnet, das Jahrzehnt von 2011 bis 2020 war das bisher sonnenscheinreichste. Die Niederschlagsmenge hat seit 1881 dagegen nur leicht zugenommen, um insgesamt etwa 42 Liter pro Quadratmeter. Mehr Wärme bei nur wenig mehr Niederschlag bedeutet unter dem Strich: mehr Verdunstung, längere Trockenphasen und eine spürbar verlängerte Vegetationsperiode von rund zwölf Tagen.
Deutscher Wetterdienst, Klimareport Mecklenburg-Vorpommern (November 2024).
Für den Roten See selbst führt das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern als zuständige Fachbehörde die Wasserstands- und Grundwassermessungen der Region. Detaillierte, öffentlich zugängliche Langzeitmessreihen speziell für diesen See waren im Rahmen dieser Recherche nicht auffindbar, was die Forderung der Naturschutzverbände nach einer umfassenden, eigens für den See durchgeführten Untersuchung zusätzlich unterstreicht.
Während die Grundwasserspiegel in der Region seit den 1950er-Jahren zwar leicht gesunken sind, verliert der See deutlich mehr Wasser als im regionalen Durchschnitt. Das deutet darauf hin, dass hier mehrere Faktoren zusammenwirken. Neben höheren Temperaturen und längeren Trockenperioden werden auch Grundwasserentnahmen, landwirtschaftliche Nutzung sowie Veränderungen im Wasserkreislauf diskutiert. Naturschutzverbände fordern deshalb seit Jahren umfassende Untersuchungen, um die Ursachen eindeutig zu bestimmen.
Eine Untersuchung des Deutschen GeoForschungsZentrums zu Wasserspiegelzeitreihen nordostdeutscher Seen zeigt, dass sich Klima und menschliche Eingriffe hier über Jahrzehnte gemeinsam auf den Wasserstand auswirken. Die für einen See der Mecklenburgischen Seenplatte rekonstruierte Wasserspiegelentwicklung der vergangenen tausend Jahre zeigt zudem eine überraschend starke natürliche Dynamik, was die Ursachenklärung im Einzelfall zusätzlich erschwert.
Kaiser, K. et al. (2014), Detection and Attribution of Lake-Level Dynamics in North-Eastern Central Europe in Recent Decades. Regional Environmental Change, 14.
Fest steht bereits heute: Höhere Temperaturen führen zu einer stärkeren Verdunstung, Niederschläge verteilen sich ungleichmäßiger, Trockenphasen dauern länger, und grundwassergespeiste Seen reagieren besonders empfindlich auf diese Veränderungen.
Weltweit verlieren inzwischen mehr als die Hälfte der großen Seen dauerhaft Wasser. Eine umfassende Satellitenauswertung von fast 2000 der größten Seen und Stauseen der Erde über den Zeitraum von 1992 bis 2020 führt diese Entwicklung überwiegend auf die Kombination aus Klimawandel und menschlichem Wasserverbrauch zurück, mit Sedimentation als zusätzlichem Faktor bei vielen Stauseen. Rund ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in Einzugsgebieten, in denen große Gewässer dauerhaft Wasser verlieren.
Yao, F. et al. (2023), Satellites Reveal Widespread Decline in Global Lake Water Storage. Science, 380(6646).
Persönliche Beobachtung am Roten See → regionale Messreihen → globale Satellitendaten → wissenschaftliche Einordnung von Klima und menschlichem Einfluss
Erst der Vergleich mehrerer Datenebenen zeigt, ob eine Beobachtung Zufall, regionaler Trend oder Teil eines globalen Musters ist.
Der Rote See ist deshalb weit mehr als ein Ort meiner Kindheit. Er ist ein Beispiel dafür, wie sich globale Entwicklungen vor der eigenen Haustür bemerkbar machen können. Ob der Wasserverlust letztlich zu welchem Anteil auf den Klimawandel, auf regionale Eingriffe oder auf beides zurückzuführen ist, müssen wissenschaftliche Untersuchungen zeigen. Doch eines sollte klar sein: Persönliche Meinungen können Ausgangspunkt einer Diskussion sein, sie ersetzen aber keine überprüfbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Ein einzelner See, ein einzelner Winter oder eine einzelne Erinnerung kann eine Diskussion anstoßen, aber keine wissenschaftliche Frage allein beantworten. Erst der Abgleich von persönlicher Beobachtung, regionalen Messreihen und globalen Daten zeigt das vollständigere Bild.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber streiten, ob sich etwas verändert, sondern gemeinsam herausfinden, warum. Denn nur wenn wir die Ursachen verstehen, können wir entscheiden, wie wir unsere Seen, Moore und Wasserressourcen für kommende Generationen schützen.
Wissenschaftlicher Hintergrund
- IPCC (2021): Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Beitrag der Arbeitsgruppe I zum Sechsten Sachstandsbericht; IPCC (2023): AR6 Synthesis Report. Beide bestätigen mit hoher Sicherheit, dass die beobachtete globale Erwärmung von rund 1,1 Grad Celsius menschengemacht ist.
- Deutscher Wetterdienst (2024): Klimareport Mecklenburg-Vorpommern. Regionale Auswertung von Temperatur-, Sonnenschein- und Niederschlagsentwicklung der letzten Jahrzehnte für Mecklenburg-Vorpommern.
- Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern (LUNG MV): Zuständige Fachbehörde für Wasserstands- und Grundwassermessungen im Land, unter anderem mit Außenstelle in Sternberg im Naturpark Sternberger Seenland.
- Kaiser, K., Koch, P. J., Mauersberger, R., Stüve, P., Dreibrodt, J. & Bens, O. (2014): Detection and Attribution of Lake-Level Dynamics in North-Eastern Central Europe in Recent Decades. Regional Environmental Change, 14. Untersucht Wasserspiegelzeitreihen nordostdeutscher Seen und deren klimatische sowie menschengemachte Ursachen.
- Yao, F., Livneh, B. et al. (2023): Satellites Reveal Widespread Decline in Global Lake Water Storage. Science, 380(6646). Globale Satellitenauswertung von fast 2000 großen Seen und Stauseen, zeigt Wasserverlust bei mehr als der Hälfte der untersuchten Gewässer.
- Nisbett, R. E. & Ross, L. (1980): Human Inference: Strategies and Shortcomings of Social Judgment. Prentice Hall. Grundlagenwerk zur Frage, warum lebhafte, persönlich erlebte Einzelfälle in der Urteilsbildung oft mehr Gewicht erhalten als abstrakte statistische Information.

