Klimawandel oder Naturzyklus?

Illustration eines jungen Mädchens mit blonden Haaren und Pony, das an einem Seeufer steht, eine Hand in die Hüfte gestützt, in der anderen Hand einen Badewannen-Stöpsel mit Kette hält, aus dem Wassertropfen in einen strudelartigen Abfluss mitten im See fallen. Rechts daneben in handschriftlicher Typografie das Zitat „Wir kennen den Wert des Wassers erst, wenn der Brunnen versiegt ist." mit der Zuschreibung „Thomas Fuller" darunter, verziert mit einer kleinen Schnörkellinie.

Was verrät ein einzelner See über den Klimawandel, und was nicht?


Ich stehe am Roten See in Mecklenburg-Vorpommern. Als Kind und Jugendliche war ich oft hier, von der Schule aus, mit Freunden, im Sommer zum Baden. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die große Kinderrutsche, die direkt ins Wasser führte. Heute ist sie verschwunden, nicht, weil sie marode war, sondern weil dort, wo früher Wasser war, heute trockenes Land liegt.

Beobachtung Messdaten Region Klima Einordnung

Einige Bereiche lassen sich aufklappen. Die grafischen Elemente helfen dir dabei, zwischen persönlicher Beobachtung und wissenschaftlicher Einordnung zu unterscheiden.


Der See verliert seit Jahren sichtbar an Wasser. Das Ufer wandert immer weiter zurück. Für mich stellt sich deshalb eine einfache Frage: Warum? Wenn ich diese Beobachtung anspreche, höre ich häufig denselben Satz: „Das Klima hat sich schon immer verändert.“ Andere sagen sofort: „Das ist der Klimawandel.“ Zwischen diesen beiden Aussagen scheint oft nur Platz für Schwarz oder Weiß zu sein.

1Was passiert, wenn Beobachtung auf Überzeugung trifft?

Wissenschaft funktioniert nicht über Meinungen, sondern über überprüfbare Daten, Messungen und Studien. Gleichzeitig bilden Menschen ihre Überzeugungen selten ausschließlich aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die Psychologie zeigt, dass wir Informationen oft danach bewerten, ob sie zu unseren bisherigen Erfahrungen passen.

Zwei Informationsquellen, zwei sehr unterschiedliche Wirkungen
1 Persönliche Erinnerung lebhaft und emotional
Eine persönliche Erinnerung kann sehr überzeugend wirken, weil sie konkret und emotional ist. Sie sagt aber zunächst nichts darüber aus, ob dieselbe Entwicklung über viele Jahre oder an vielen Orten beobachtet wird.
2 Wissenschaftliche Messreihe nüchtern und vergleichbar
Eine Messreihe wirkt weniger eindrucksvoll als eine persönliche Erinnerung. Dafür kann sie Entwicklungen über längere Zeiträume erfassen und mit anderen Regionen vergleichen.

Was überzeugt dich spontan stärker: ein eindrucksvolles persönliches Erlebnis oder eine lange Reihe nüchterner Messwerte?


2Stimmt der Satz, den du so oft hörst?

Der Satz „Das Klima hat sich schon immer verändert“ hält sich hartnäckig, und er ist nicht einmal falsch. Das Erdklima hat sich über Millionen Jahre immer wieder verändert, beispielsweise durch Vulkanausbrüche, Veränderungen der Erdumlaufbahn oder Schwankungen der Sonnenaktivität.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob sich das Klima schon früher verändert hat. Entscheidend ist, warum sich das Klima heute so schnell verändert und welchen Anteil menschliche Treibhausgasemissionen daran haben.

Ein einzelner kalter Winter beschreibt Wetter. Für Aussagen über Klima braucht es lange Zeiträume und viele Messungen.


3Was sagt der Weltklimarat dazu?

rund 1,1 °C

Der Weltklimarat kommt in seinem sechsten Sachstandsbericht zu dem Ergebnis, dass die globale Oberflächentemperatur im letzten Jahrzehnt rund 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau lag. Die beobachtete Erwärmung wird überwiegend auf menschliche Treibhausgasemissionen zurückgeführt.

IPCC (2021, 2023), Sechster Sachstandsbericht (AR6), Arbeitsgruppe I und Synthesebericht.


4Was zeigt der Rote See konkret?

Klimareport MV

Der im November 2024 vorgestellte Klimareport Mecklenburg-Vorpommern des Deutschen Wetterdienstes liefert regionale Daten. Die bisher höchsten durchschnittlichen Jahrestemperaturen im Land wurden 2019 und 2020 verzeichnet. Das Jahrzehnt von 2011 bis 2020 war zudem das bisher sonnenscheinreichste.

Die Niederschlagsmenge hat seit 1881 dagegen nur leicht zugenommen. Mehr Wärme bei nur wenig mehr Niederschlag bedeutet unter anderem stärkere Verdunstung und längere Trockenphasen.

Deutscher Wetterdienst, Klimareport Mecklenburg-Vorpommern (November 2024).

Was wissen wir speziell über Seen? regionale und globale Forschung

Für den Roten See selbst führt das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern als zuständige Fachbehörde die Wasserstands- und Grundwassermessungen der Region. Detaillierte, öffentlich zugängliche Langzeitmessreihen speziell für diesen See waren im Rahmen dieser Recherche nicht auffindbar.

Während die Grundwasserspiegel in der Region seit den 1950er-Jahren leicht gesunken sind, verliert der See sichtbar Wasser. Neben höheren Temperaturen und längeren Trockenperioden werden auch Grundwasserentnahmen, landwirtschaftliche Nutzung und Veränderungen im Wasserkreislauf diskutiert.

Seen als Klimaspiegel

Eine Untersuchung zu Wasserspiegelzeitreihen nordostdeutscher Seen zeigt, dass Klima und menschliche Eingriffe gemeinsam auf den Wasserstand wirken können. Die langfristige Entwicklung einzelner Seen kann zusätzlich durch starke natürliche Schwankungen geprägt sein.

Kaiser, K. et al. (2014), Detection and Attribution of Lake-Level Dynamics in North-Eastern Central Europe in Recent Decades. Regional Environmental Change, 14.

mehr als 50 %

Eine globale Satellitenauswertung von fast 2000 großen Seen und Stauseen über den Zeitraum von 1992 bis 2020 zeigte bei mehr als der Hälfte der untersuchten Gewässer einen Rückgang des gespeicherten Wassers. Als Ursachen spielen sowohl klimatische Veränderungen als auch menschliche Wassernutzung eine Rolle.

Yao, F. et al. (2023), Satellites Reveal Widespread Decline in Global Lake Water Storage. Science, 380(6646).

Vom einzelnen See zum Klimamuster

Beobachtung

Das Ufer zieht sich zurück.

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Region

Temperatur, Niederschlag und Grundwasser

→

Vergleich

viele Seen und lange Messreihen

→

Einordnung

Teil eines größeren Musters?

Ein einzelner See kann ein Hinweis sein. Erst der Vergleich mit regionalen und globalen Daten erlaubt eine wissenschaftliche Einordnung.


5Wie wird aus einem Einzelfall ein globales Muster?

Erst der Vergleich mehrerer Datenebenen zeigt, ob eine Beobachtung ein lokaler Einzelfall, ein regionaler Trend oder Teil eines größeren Musters ist. Öffne die vier Ebenen.

1 Persönliche Beobachtung
Ein sichtbarer Rückgang des Wassers ist ein wichtiger Ausgangspunkt für eine Frage. Allein erklärt er die Ursache noch nicht.
2 Regionale Messreihen
Temperatur, Niederschlag, Verdunstung und Grundwasser helfen dabei, die Entwicklung vor Ort über längere Zeiträume einzuordnen.
3 Globale Satellitendaten
Satellitendaten ermöglichen den Vergleich vieler Gewässer und zeigen, ob ähnliche Entwicklungen auch an anderen Orten auftreten.
4 Wissenschaftliche Einordnung
Erst wenn mehrere Datenebenen zusammenpassen, lässt sich beurteilen, welche Ursachen wahrscheinlich sind und welche Aussagen zu weit gehen würden.
Dein Kompass für Klimaaussagen
1 Ist es eine einzelne Beobachtung oder eine längere Messreihe?
2 Wer liefert die Daten und wie wurden sie erhoben?
3 Passt die regionale Beobachtung zu größeren Datenmustern?

6Bereit für deinen Medienkompetenz-Check?

Drei Fragen an die nächste Klimaaussage

Der Check soll dir helfen, eine Aussage nicht sofort anzunehmen oder abzulehnen, sondern zuerst zu prüfen, worauf sie beruht.

  • Ich unterscheide, ob eine Aussage auf einer einzelnen Beobachtung oder auf einer längeren Messreihe beruht.
  • Ich prüfe, wer die Quelle einer Klimaaussage ist und ob überprüfbare Daten genannt werden.
  • Ich vergleiche regionale Beobachtungen mit größeren Datenmustern, bevor ich mir ein Urteil bilde.
Die Anzahl der Häkchen ist nicht entscheidend. Wichtig ist, vor einer schnellen Schlussfolgerung die passende Datenebene zu prüfen.

Was nimmst du dir aus dieser Reise mit?

Ein einzelner See, ein einzelner Winter oder eine einzelne Erinnerung kann eine wichtige Frage auslösen. Wissenschaftlich belastbar wird eine Aussage jedoch erst durch längere Messreihen, Vergleiche und eine sorgfältige Einordnung möglicher Ursachen.

Der Rote See ist deshalb weder ein alleiniger Beweis für den Klimawandel noch eine bedeutungslose Einzelbeobachtung. Er ist ein Ausgangspunkt, von dem aus sich die größere Frage untersuchen lässt.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber streiten, ob eine einzelne Beobachtung etwas beweist, und häufiger gemeinsam fragen: Welche Daten brauchen wir, um sie richtig einzuordnen?


Wissenschaftlicher Hintergrund
  • IPCC (2021): Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Beitrag der Arbeitsgruppe I zum Sechsten Sachstandsbericht; IPCC (2023): AR6 Synthesis Report. Beide ordnen die beobachtete globale Erwärmung überwiegend menschlichen Einflüssen zu.
  • Deutscher Wetterdienst (2024): Klimareport Mecklenburg-Vorpommern. Regionale Auswertung von Temperatur, Sonnenscheindauer und Niederschlagsentwicklung für Mecklenburg-Vorpommern.
  • Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern (LUNG MV): Zuständige Fachbehörde für Wasserstands- und Grundwassermessungen im Land.
  • Kaiser, K., Koch, P. J., Mauersberger, R., Stüve, P., Dreibrodt, J. & Bens, O. (2014): Detection and Attribution of Lake-Level Dynamics in North-Eastern Central Europe in Recent Decades. Regional Environmental Change, 14.
  • Yao, F., Livneh, B. et al. (2023): Satellites Reveal Widespread Decline in Global Lake Water Storage. Science, 380(6646). Globale Satellitenauswertung großer Seen und Stauseen.
  • Nisbett, R. E. & Ross, L. (1980): Human Inference: Strategies and Shortcomings of Social Judgment. Prentice Hall. Grundlagenwerk dazu, warum persönlich erlebte Einzelfälle in der menschlichen Urteilsbildung oft besonders stark wirken.