Selbstcoaching & Persönlichkeitspsychologie
Wie findest du heraus, was wirklich dein Weg ist?
Gestatten, Ihr Ich. Bevor irgendjemand anderes dir sagt, wer du sein solltest, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die Person, die du ohnehin schon bist, nur eben manchmal ziemlich gut versteckt hinter fremden Erwartungen. Sei für die nächsten Minuten dein eigener Coach.
Dieser Artikel enthält einige Bereiche zum Aufklappen, erkennbar am i-Symbol.
1Die Sätze, die uns kleinhalten
Kaum jemand startet mit einem klaren Bild davon, was er kann und was er will. Stattdessen sammeln sich über die Jahre Sätze an, oft gut gemeint, die trotzdem eine bremsende Wirkung entfalten. Klick sie an und schau, ob dir der eine oder andere bekannt vorkommt.
„Das kannst du nicht!“
„Das ist nichts für dich!“
„Lass das lieber andere machen!“
„Willst du uns blamieren?“
Der Psychologe Albert Bandura zeigte, dass der Glaube an die eigene Fähigkeit, eine Aufgabe zu bewältigen, sogenannte Selbstwirksamkeit, maßgeblich davon abhängt, welche Rückmeldungen ein Mensch über Jahre erhalten hat. Wiederholt gehörte Sätze wie die oben genannten sinken dabei nicht ins Bewusstsein, sondern ins Selbstbild, mit spürbaren Folgen dafür, was sich jemand später überhaupt zutraut.
Bandura, A. (1997), Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman.
2Warum wir uns so bereitwillig anpassen
Ein kleines Bild bringt es auf den Punkt: Ein Fisch, eingesperrt in einer viel zu engen Muschel. Sich anzupassen wird uns von Geburt an beigebracht, dabei wollen wir doch eigentlich so sein, wie wir sind. Zahlreiche Einflüsse formen im Laufe eines Lebens mit, wer wir zu sein glauben: Familie, Umfeld, Arbeit, Religion, Schule, Geschlecht, Bildung, Alter, Erfahrungen, Freunde, Kultur.
Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan beschreibt Autonomie, das eigene Handeln als selbst gewählt zu erleben, als eines von drei psychologischen Grundbedürfnissen des Menschen, neben Kompetenz und sozialer Eingebundenheit. Wird dieses Bedürfnis dauerhaft übergangen, sinken nachweislich Motivation und Wohlbefinden, selbst wenn äußerlich alles in Ordnung erscheint.
3Zwei Rollen, ein Selbstcheck
Manche Menschen sehen sich eher als weltverbessernden Lichtblick, der etwas bewegen will, andere eher als genügsamen Fels, der Ruhe und Verlässlichkeit ausstrahlt. Beides sind vollwertige, gleichwertige Lebensentwürfe, keine Rangfolge. Klick dich durch beide und überlege, wo du dich eher wiedererkennst.
Weltverbessernder Lichtblick
Genügsamer Fels
Frei nach einem bekannten Gedanken von Stephen Covey lässt sich persönliche Führung so beschreiben: die eigenen Werte und Visionen im Blick zu behalten und das eigene Leben bewusst danach auszurichten, statt sich treiben zu lassen.
4Der blinde Fleck
Aha-MomentWarum kennen andere Menschen manchmal Talente an dir, die dir selbst gar nicht bewusst sind?
Besonders der blinde Fleck lässt sich kaum allein verkleinern, dafür braucht es ehrliches Feedback von außen. Wer regelmäßig gezielt danach fragt, was andere an einem schätzen oder für selbstverständlich halten, verkleinert diesen blinden Bereich systematisch, ganz ohne aufwendige Selbstanalyse.
Luft, J. & Ingham, H. (1955), The Johari Window: A Graphic Model for Interpersonal Relations. Proceedings of the Western Training Laboratory in Group Development.
5Der Gedanke, der Klarheit schafft
Wer unsicher ist, ob eine Veränderung wirklich nötig ist, kann auf einen Gedanken des Philosophen Friedrich Nietzsche zurückgreifen, ursprünglich als Gedankenexperiment zur „ewigen Wiederkehr“ formuliert.
Zum AusprobierenStell dir vor, du müsstest dein jetziges Leben, genau so wie es gerade ist, unzählige Male wiederholen, immer wieder von vorn. Wie fühlt sich dieser Gedanke an?
6Dein Rundum-Check in sechs Bereichen
Ziele, die sich nur auf einen einzigen Lebensbereich konzentrieren, geraten leicht aus der Balance. Sinnvoller ist ein Blick auf alle Bereiche gemeinsam: gesundheitlich, geistig, ethisch-seelisch, finanziell, sozial und familiär.
Die Zielsetzungstheorie von Edwin Locke und Gary Latham gehört zu den am besten belegten Theorien der Motivationspsychologie: Konkrete, herausfordernde, aber erreichbare Ziele führen zuverlässig zu besseren Ergebnissen als vage Vorsätze wie „mehr Sport machen“ oder „gesünder leben“.
Locke, E. A. & Latham, G. P. (2002), Building a Practically Useful Theory of Goal Setting and Task Motivation. American Psychologist, 57(9).
Aus diesem Rundum-Check lässt sich eine feste Jahresübung machen: Schreib dir zu jedem deiner Lebensbereiche einen Wunsch auf, formuliere ihn nach dem SMART-Modell und visualisiere das Ergebnis anschließend auf einer Collage. Einmal im Jahr wiederholt, wirst du merken, dass sich deine Ziele mit der Zeit von selbst anpassen und du sie zunehmend schneller erreichst.
Das SMART-Modell
Die Collage
Aha-MomentMacht es dein Ziel wahrscheinlicher, wenn du dir nur ausmalst, wie schön es ist, es schon erreicht zu haben?
Das ist kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern ein normaler Teil der Selbstregulation: Nach jedem Durchlauf weißt du mehr über dich, was wirklich zu dir passt und was nur gut klang, und genau dieses Wissen fließt automatisch in die nächste Formulierung ein. Der jährliche Rhythmus wirkt dabei wie eine feste Feedbackschleife für die eigene Entwicklung.
7Vom Wissen zum Tun
Je öfter wir aus Angst nachgeben und Kompromisse eingehen, desto stärker werden wir mit der Zeit demotiviert, ein Kreislauf, der sich nur durch tatsächliches Handeln durchbrechen lässt, nicht durch noch mehr Nachdenken. Frei nach einem alten chinesischen Sprichwort: Auch die längste Reise beginnt mit einem einzigen ersten Schritt.
Um zu werden, wer du bist, musst du zuerst wissen, wer du bist, nicht wer andere in dir sehen wollen. Das gelingt selten auf einen Schlag, sondern eher wie in diesem Artikel: ein blinder Fleck hier, ein alter Satz da, ein ehrlicher Blick auf die eigenen sechs Lebensbereiche.
Wie fühlst du dich gerade, und was von alldem nimmst du tatsächlich mit?
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Bandura, A. (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman. Grundlagenwerk zum Konzept der Selbstwirksamkeit und ihrer Prägung durch wiederholtes Feedback.
- Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000): The „What“ and „Why“ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4). Grundlagenarbeit zur Selbstbestimmungstheorie und den drei psychologischen Grundbedürfnissen.
- Luft, J. & Ingham, H. (1955): The Johari Window: A Graphic Model for Interpersonal Relations. Proceedings of the Western Training Laboratory in Group Development. Ursprungsarbeit zum Johari-Fenster-Modell.
- Locke, E. A. & Latham, G. P. (2002): Building a Practically Useful Theory of Goal Setting and Task Motivation. American Psychologist, 57(9). Zusammenfassung jahrzehntelanger Forschung zur Zielsetzungstheorie.
- Oettingen, G. (2014): Rethinking Positive Thinking: Inside the New Science of Motivation. Current. Grundlage der WOOP-Methode; zeigt, dass reines positives Visualisieren ohne Einbezug von Hindernissen die Zielerreichung eher schwächt statt stärkt.
- Covey, S. R.: Konzept der persönlichen Führung („personal leadership“), sinngemäß wiedergegeben nach seinen bekannten Werken zu Effektivität und Selbstführung.
- Nietzsche, F.: Gedankenexperiment der ewigen Wiederkehr, ursprünglich in Die fröhliche Wissenschaft (1882), hier sinngemäß als Entscheidungsheuristik wiedergegeben.

