Wo Stift und Sinn sich begegnen, verwandelt sich Wissen in neue Ideen.

Illustration einer nachdenklich wirkenden jungen Frau mit dunklem Dutt und großen Augen. Sie stützt ihr Kinn auf die Hand und blickt leicht nach oben. Über ihr schwebt ein gezeichnetes Herzsymbol. Rechts daneben steht der Schriftzug: „Du darfst dich für dich entscheiden, jeden Tag.“ Die Illustration ist im handgezeichneten Aquarell- und Skizzenstil mit weichen Farben gehalten.

Warum trifft ein giftiges Umfeld Menschen mit tiefer Wahrnehmung so viel tiefer als andere?

Wer die Welt ungefiltert aufnimmt, nimmt auch das Giftige ungefiltert auf. Und wer schnell denkt, denkt auch schnell in Kreisen, wenn das Umfeld beginnt, die eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen.


Es gibt diesen Moment, den viele kennen, und den trotzdem fast niemand beim Namen nennt. Man sitzt in einem Raum, sagt etwas, und spürt wie sich die Stimmung verändert, so subtil wie ein Luftzug unter einer geschlossenen Tür. Dann kommt der Satz: das hast du falsch verstanden. Oder: du bist einfach zu sensibel. Oder nichts kommt, nur ein Blick, der sagt dass man gerade zu viel gewesen ist. Und man beginnt, sich selbst zu befragen. Ob man wirklich zu viel ist. Ob man sich das alles nur einbildet. Ob man vielleicht tatsächlich das Problem ist.

Für hochbegabte und hochsensible Menschen ist dieser Moment besonders gefährlich, weil sie in ihm so schnell verschwinden können. Sie nehmen mehr wahr, denken tiefer, fühlen stärker, und genau diese Fähigkeiten werden in einem toxischen Umfeld zur Angriffsfläche. Was Stärke ist, wird zur Schwäche erklärt. Was Wahrnehmung ist, wird zur Überempfindlichkeit. Und weil diese Menschen so gut darin sind, sich selbst zu hinterfragen, glauben sie es irgendwann.


Was macht ein Umfeld wirklich toxisch?

Toxische Umfelder bestehen selten aus Menschen, die laut und offen bösartig sind. Meistens bestehen sie aus Menschen, die selbst sehr viel Schmerz tragen und gelernt haben, diesen Schmerz nach außen zu lenken, auf andere, auf diejenigen, die weicher sind, tiefer fühlen, weniger gut darin, sich selbst zu schützen. Lästern ist dabei oft das lauteste Werkzeug, weil es Gemeinschaft simuliert, eine Gemeinschaft auf Kosten von jemandem, die sich für alle Beteiligten wie Zugehörigkeit anfühlt, solange man selbst nicht das Ziel ist.

Gaslighting ist das leisere und deshalb oft wirksamere Werkzeug. Es ist der systematische Versuch, jemandem das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu nehmen, durch kleine Korrekturen, durch Umdeutungen, durch ein beständiges Gefühl dass man sich irrt, übertreibt, falsch liegt. Für ein Gehirn das ohnehin in Verbindungen und Bedeutungen denkt, ist das besonders wirksam, weil es genau dort ansetzt, wo diese Menschen am lebendigsten sind: in ihrer Fähigkeit, tief zu verstehen.

70 %

der Betroffenen von Gaslighting berichten, dass sie über längere Zeit an der eigenen Wahrnehmung gezweifelt haben, bevor sie erkannten, was mit ihnen geschah.

Sarkis, S. (2018), Gaslighting: Recognize Manipulative and Emotionally Abusive People and Break Free.

Warum trifft es Menschen mit tiefer Wahrnehmung so viel härter?

Ein hochsensibles Nervensystem registriert alles, das Gesagte und das Ungesagte, den Ton hinter den Worten, die Spannung die entsteht bevor jemand spricht, das kurze Zögern das verrät dass jemand lügt. Das ist eine außergewöhnliche Fähigkeit, die in einem ehrlichen Umfeld Tiefe und Verbindung schafft. In einem unehrlichen Umfeld wird sie zur Last, weil man ständig mehr wahrnimmt als man benennen kann, und weil man in der Lücke zwischen dem was man spürt und dem was man beweisen kann, anfängt, sich selbst zu misstrauen.

Hochbegabte Menschen analysieren zusätzlich. Sie suchen nach Erklärungen, nach Zusammenhängen, nach dem Grund warum jemand so reagiert wie er reagiert. In einem gesunden Umfeld ist das wertvoll. In einem toxischen Umfeld dreht es sich gegen sie, weil sie beginnen, das Verhalten anderer zu rationalisieren, zu entschuldigen, zu verstehen, solange bis sie das Unzumutbare für normal halten.

Wie das Muster sich aufbaut

Tiefe Wahrnehmung → erkennt Unstimmigkeit → Umfeld zweifelt Wahrnehmung an → Selbstzweifel → Schweigen → Wahrnehmung wird noch feiner, noch wachsamer

Der Körper merkt es zuerst. Der Kopf erklärt es noch lange weg.

Was steckt hinter Menschen, die Stärke zeigen aber Verletzlichkeit verbergen?

Menschen, die in solchen Umfeldern das Klima bestimmen, tragen meistens selbst sehr alte Wunden. Jemand der lästert, braucht das Gefühl der Überlegenheit, weil er sich innerlich klein fühlt. Jemand der gaslightet, hat oft selbst erlebt, dass seine eigene Wahrnehmung nicht willkommen war, und gibt das weiter, weil er keinen anderen Weg kennt, mit dieser Erfahrung umzugehen. Das erklärt das Verhalten. Es entschuldigt es nicht. Aber es hilft zu verstehen, dass man selbst nichts falsch gemacht hat, wenn man zum Ziel wird.

Die lauteste Person im Raum ist selten die sicherste. Echte innere Stärke braucht weder Publikum noch Opfer. Sie ist still, sie ist großzügig, sie macht anderen Raum. Was sich als Dominanz zeigt, ist fast immer der Versuch, eine Leere zu füllen, die von außen nicht gefüllt werden kann.

3 von 4

hochsensiblen Menschen berichten, in ihrem Leben mindestens ein Umfeld erlebt zu haben, in dem ihre Wahrnehmungstiefe aktiv gegen sie verwendet wurde, durch Abwertung, Umdeutung oder sozialen Ausschluss.

Aron, E. N. (2010), Psychotherapy and the Highly Sensitive Person.

Was hilft, wenn man mitten darin ist?

Das Schwierigste ist oft, zu erkennen, dass man sich in einem solchen Umfeld befindet, weil der Prozess so langsam geschieht und weil man selbst so gut darin ist, das Beste in anderen zu sehen. Der erste und wichtigste Schritt ist deshalb, dem eigenen Körper zu vertrauen, vor dem eigenen Verstand. Der Körper weiß es früher. Er zeigt es in der Anspannung vor einem Treffen, in der Erschöpfung danach, in dem Gefühl dass man sich klein macht bevor man den Raum betritt.

Tipp für die Praxis

Führe für eine Weile ein kurzes inneres Protokoll: Wie fühle ich mich vor dem Kontakt mit dieser Person oder Gruppe? Wie danach? Der Körper lügt dabei selten. Wenn du dich regelmäßig kleiner, verworrener oder erschöpfter fühlst als vorher, sagt er dir etwas Wichtiges.

Tipp für die Praxis

Schreib auf, was passiert ist, unmittelbar nachdem es passiert ist, bevor die Rationalisierung beginnt. Hochbegabte Menschen neigen dazu, das Erlebte so lange zu analysieren bis es sich anders anfühlt als es war. Das Aufschreiben hält die ursprüngliche Wahrnehmung fest und gibt ihr Gewicht.

Tipp für die Praxis

Such dir einen Menschen außerhalb dieses Umfeldes, dem du vertraust, und sprich mit ihm. Hochsensible und hochbegabte Menschen brauchen echte Resonanz, einen Spiegel der ehrlich ist, um sich selbst wieder zu finden. Das Gespräch mit jemandem der wirklich zuhört, kann den Faden zurück zur eigenen Wahrnehmung knüpfen.


Fazit für deinen Alltag

Wer tief wahrnimmt, tief denkt und tief fühlt, bringt etwas in die Welt, das selten und wertvoll ist. Und genau deshalb braucht dieser Mensch Umfelder, die das tragen können, Menschen die selbst so weit in sich sind, dass sie die Tiefe anderer als Bereicherung erleben und sie weder fürchten noch beschneiden müssen.

Wenn ein Umfeld systematisch daran arbeitet, jemanden kleiner zu machen als er ist, sagt das alles über das Umfeld und nichts über den Menschen. Ein Baum der in schlechter Erde steht, wächst trotzdem. Er braucht nur irgendwann bessere Erde.

Welchen Menschen in deinem Leben fühlt sich deine Tiefe bei ihm wie Zuhause an?



Wissenschaftlicher Hintergrund

  • Sarkis, S. (2018): Gaslighting: Recognize Manipulative and Emotionally Abusive People and Break Free. Da Capo Press. Umfassende Darstellung von Gaslighting als Mechanismus und seinen Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung Betroffener.
  • Aron, E. N. (2010): Psychotherapy and the Highly Sensitive Person. Norton. Untersucht spezifisch, wie hochsensible Menschen auf belastende soziale Umfelder reagieren und wie sie ihre Wahrnehmung zurückgewinnen können.
  • Hare, R. D. (1999): Without Conscience: The Disturbing World of the Psychopaths Among Us. Guilford Press. Grundlagenwerk zu Persönlichkeitsstrukturen, die Manipulation und emotionale Kontrolle als Beziehungsmuster einsetzen.
  • Brown, B. (2010): The Gifts of Imperfection. Hazelden. Beschreibt, wie echte innere Stärke sich von vorgetäuschter Stärke unterscheidet, und warum verletzliche Menschen die sichereren sind.
  • Van der Kolk, B. (2014): The Body Keeps the Score. Viking. Zeigt, wie der Körper toxische Erfahrungen speichert, oft lange bevor der Verstand sie einordnen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Letzte Kommentare

Es sind keine Kommentare vorhanden.