Warum du jede Nacht träumst, auch wenn du glaubst, du würdest es gar nicht tun?
Ich träume nie. Dieser Satz fühlt sich so wahr an, so ehrlich, so unstrittig, und er stimmt fast nie, weil das Gehirn jede Nacht träumt, weil es gar nicht anders kann, weil Träumen kein Luxus ist, sondern ein hochkomplexer Prozess, ohne den das Gehirn nicht wäre, was es ist.
Es gibt etwas zutiefst Menschliches an dem Satz Ich träume nie, weil er so bereitwillig geglaubt wird, auch von der Person, die ihn sagt, weil sie sich am Morgen an nichts erinnert und daraus schließt, dass da nichts war, und weil diese Schlussfolgerung so naheliegend ist und gleichzeitig so gründlich am eigentlichen Geschehen vorbeizieht, denn was wirklich passiert ist, während man geschlafen hat, ist alles andere als nichts.
Während der Körper still liegt und der Atem ruhig geht, läuft im Inneren des Gehirns eine Aktivität ab, die in ihrer Intensität dem Wachzustand manchmal so nahekommt, dass Forschende lange gerätselt haben, was den Unterschied überhaupt ausmacht, und was dabei entsteht, sind ein stiller innerer Dialog des Gehirns mit sich selbst, in dem es verarbeitet, sortiert, verbindet und heilt, was der Tag hinterlassen hat, ohne dass man es hört, ohne dass man es steuert, und ohne dass man es am nächsten Morgen fast je erinnert.
Was im Gehirn passiert, während wir schlafen und träumen
Die intensivsten Träume entstehen in der sogenannten REM-Phase des Schlafs, benannt nach den schnellen Augenbewegungen unter den geschlossenen Lidern, und in dieser Phase arbeitet das Gehirn auf eine Art, die man von außen kaum ahnt, weil der Körper so still ist und das Innere so aktiv, weil emotionale Zentren wie die Amygdala hochfahren und gleichzeitig jene Bereiche, die im Wachleben logisch kontrollieren und bewerten, zurücktreten, was erklärt, warum Träume sich so surreal anfühlen, so emotional aufgeladen, so wenig den Regeln des Alltags verpflichtet.
In dieser Phase verarbeitet das Gehirn die emotionalen Eindrücke des Tages, sortiert Erinnerungen, verknüpft Informationen auf neue Weise und tut dabei etwas, das man erst dann wirklich zu schätzen beginnt, wenn man versteht, was es bedeutet: Es schlägt Brücken zwischen Erfahrungen, die tagsüber getrennt nebeneinanderlagen, und erschafft Verbindungen, die am Morgen als plötzliche Erkenntnis auftauchen, als Lösung, die man am Abend noch nicht hatte, als Klarheit über eine Situation, die gestern noch undurchdringlich wirkte.
Während des REM-Schlafs ist die Amygdala besonders aktiv, während der präfrontale Kortex deutlich ruhiger wird, und genau in dieser Kombination geschieht etwas Wichtiges: emotionale Erfahrungen werden verarbeitet, ohne sofort bewertet zu werden, was sie integrierbarer macht und erklärt, warum ausreichend Schlaf nach einem schwierigen Erlebnis so viel verändern kann.
Das Gehirn verknüpft im Schlaf Informationen auf eine Art, die im Wachleben durch Logik und Gewohnheit gehemmt wird, weil die Kontrolle nachlässt und ungewöhnliche Verbindungen entstehen dürfen, und wer morgens mit einer Idee aufwacht, die gestern noch nicht da war, hat sein Gehirn nachts arbeiten lassen, so wie es das immer tut, auch ohne Auftrag.
Menschen, deren REM-Schlaf dauerhaft gestört ist, zeigen messbar verändertes emotionales Erleben, erhöhte Reizbarkeit und eine reduzierte Fähigkeit, belastende Erfahrungen zu integrieren, was zeigt, dass Träumen ein zentraler Teil davon ist, wie das Gehirn sich selbst reguliert und gesund hält.
Traumsequenzen erlebt ein Mensch in einer durchschnittlichen Nacht, die meisten davon in den REM-Phasen, die sich gegen Morgen hin verlängern, was erklärt, warum man sich an Träume kurz vor dem Aufwachen häufiger erinnert als an die frühen Nachtstunden.
Walker, M. P. (2017): Why We Sleep: Unlocking the Power of Sleep and Dreams. New York: Scribner.
Warum das Gedächtnis die Träume so schnell wieder verschwinden lässt
Der Grund, warum so viele Menschen ehrlich glauben, sie träumten nicht, liegt darin, wie das Gedächtnis in der REM-Phase arbeitet, genauer gesagt wie es es nicht tut, weil das Noradrenalin, ein Botenstoff, der im Wachleben entscheidend für das Abspeichern von Erinnerungen ist, während des REM-Schlafs stark reduziert ist, was bedeutet, dass die intensivsten inneren Bilder und Geschichten entstehen können, ohne dass das Gedächtnis einen dauerhaften Abdruck von ihnen nimmt.
Der Traum war da, er war lebendig und manchmal erschütternd intensiv, aber er löst sich in den Sekunden des Aufwachens auf wie Nebel in der Morgensonne, und wer in diesem Moment sofort das Handy greift oder von außen in den Tag gezogen wird, bevor das Bewusstsein den Traum noch halten konnte, verliert ihn vollständig, und das nicht weil nichts war, sondern weil das Gehirn ihn nicht für die Langzeiterinnerung vorgesehen hat.
aller Träume sind vergessen, bevor man das Bett verlässt, weil das reduzierte Noradrenalin während der REM-Phase die Gedächtnisbildung hemmt und weil die ersten Sekunden nach dem Aufwachen darüber entscheiden, ob ein Traum behalten wird oder nicht.
Hobson, J. A. (2002): Dreaming: An Introduction to the Science of Sleep. Oxford: Oxford University Press.
Was Stress, Schlafqualität und das moderne Leben mit unseren Träumen machen
Alkohol, Schlafmangel, Bildschirme kurz vor dem Einschlafen, Medikamente, dauerhafter Stress, all das beeinflusst die REM-Phasen auf eine Weise, die man nicht direkt spürt, aber die sich langfristig im Erleben zeigt, in schlechterer emotionaler Regulation, in dem Gefühl, morgens nicht wirklich erholt zu sein, in einer reduzierten Fähigkeit, das, was das Leben mitbringt, innerlich zu verarbeiten, weil das Werkzeug, das das Gehirn dafür nutzt, keine Möglichkeit hatte, seine Arbeit zu tun.
Und gleichzeitig gibt es das Gegenteil: in emotional intensiven Lebensphasen erinnern sich viele Menschen plötzlich lebhafter an ihre Träume, weil die emotionalen Netzwerke so aktiv sind, dass die Träume intensiver werden, greifbarer, manchmal beunruhigend nah, und weil das Gehirn in solchen Zeiten zeigt, dass es das, was man tagsüber kaum benennen kann, nachts auf seine ganz eigene Art bespricht.
Leg ein Notizbuch neben das Bett und schreib in den ersten Minuten nach dem Aufwachen auf, was du noch weißt, ohne das Handy zu berühren, ohne aufzustehen, bevor du geschrieben hast, auch wenn es nur ein Bild ist oder ein Gefühl oder ein einziges Wort, denn das Gehirn braucht diese ersten stillen Momente, um den Traum in die Sprache des Wachlebens zu übersetzen, bevor er unwiederbringlich verblässt.
Emotionen aus dem Tag werden verarbeitet und integriert.
Erinnerungen werden sortiert und neu verknüpft.
Kreative Verbindungen entstehen ohne den Filter der Logik.
Träume sind ein stiller innerer Dialog des Gehirns mit sich selbst.
Wann träumt ein Mensch wirklich weniger, und wann liegt ein echtes Problem vor?
So richtig es ist, dass nahezu jeder Mensch träumt, so ehrlich muss man auch sagen, dass es Situationen gibt, in denen das Träumen tatsächlich verändert, reduziert oder unterdrückt wird, auf eine Art, die über das gelegentliche Nichterinnern am Morgen weit hinausgeht, und die es wert ist, genauer anzuschauen, weil sie dem Körper und dem Geist auf lange Sicht etwas kostet.
Manche Antidepressiva, vor allem selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, unterdrücken die REM-Phase nachweislich und damit das Träumen selbst, ebenso wie Schlafmittel der Benzodiazepin-Gruppe, die zwar Schlaf erzeugen, aber die Architektur des Schlafs so verändern, dass die wichtigsten Verarbeitungsphasen verkürzt oder ganz ausgeblendet werden, und wer solche Medikamente nimmt und bemerkt, dass er plötzlich wirklich aufgehört hat zu träumen, erlebt genau das: einen pharmakologisch bedingten Eingriff in einen Prozess, den das Gehirn braucht.
Auch schwerer chronischer Schlafmangel, bei dem der Körper so erschöpft ist, dass er in den Tiefschlaf fällt und kaum REM-Phasen erreicht, sowie bestimmte Schlafstörungen wie schwere Schlafapnoe, bei der der Schlaf durch Atemaussetzer so oft unterbrochen wird, dass zusammenhängende REM-Phasen kaum entstehen, können dazu führen, dass Träume tatsächlich seltener werden, und nicht nur seltener erinnert werden, was ein wichtiger Unterschied ist, dem man nachgehen sollte, wenn das Gefühl entsteht, dass der Schlaf sich nicht mehr erholsam anfühlt und die innere Verarbeitung des Alltags irgendwie ins Stocken geraten ist.
Wenn jemand nach einer Änderung der Medikation, nach einem längeren Zeitraum von Schlafentzug oder bei Verdacht auf eine Schlafstörung das Gefühl hat, wirklich aufgehört zu haben zu träumen, und wenn das gleichzeitig mit emotionaler Stumpfheit, Reizbarkeit oder dem Gefühl einhergeht, dass nichts mehr wirklich verarbeitet wird, dann ist das ein Signal, das ein Gespräch mit einem Arzt oder einer Schlafklinik verdient, weil dahinter eine veränderte Schlafarchitektur stecken kann, die behandelbar ist.
Wer glaubt, er träume nicht, träumt trotzdem, jede Nacht, mehrfach, in Phasen, die das Gehirn braucht wie Wasser und Luft, und das Vergessen am Morgen ist ein Zeichen dafür, dass das Gehirn seine Arbeit getan hat, still und effizient und ohne darauf zu warten, dass man es bemerkt.
Was sich verändert, wenn man beginnt, den eigenen Träumen mehr Raum zu geben, ist erstaunlich, weil man in ihnen manchmal Dinge findet, die man tagsüber nicht gehört hat, weil die Kontrolle zu laut war, weil der Alltag zu schnell war, und weil das Gehirn nachts die Sprache spricht, die es tagsüber nicht immer sprechen darf: die der unzensierten, ehrlichen, tief verarbeitenden inneren Erfahrung.
Wann hast du zuletzt morgens mit dem Notizbuch angefangen, bevor du das Handy berührt hast? Und was könnte in dir nachts verarbeitet werden, dem du tagsüber noch keinen Namen gegeben hast?
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Walker, M. P. (2017): Why We Sleep: Unlocking the Power of Sleep and Dreams. New York: Scribner. Umfassendes Standardwerk zur Schlafforschung, das erklärt, warum REM-Schlaf und Träumen für emotionale Regulation, Gedächtniskonsolidierung, Kreativität und psychische Gesundheit unverzichtbar sind.
- Hobson, J. A. (2002): Dreaming: An Introduction to the Science of Sleep. Oxford: Oxford University Press. Erklärt die Neurobiologie des Träumens und beschreibt, warum das reduzierte Noradrenalin in der REM-Phase dazu führt, dass Träume so selten im Gedächtnis gespeichert werden.
- Stickgold, R. (2005): Sleep-dependent memory consolidation. Nature, 437, 1272 bis 1278. Zeigt, wie das Gehirn im Schlaf Informationen neu verknüpft und konsolidiert, und belegt, dass kreative Problemlösungen am Morgen direkte Folgen der nächtlichen Verarbeitungsarbeit des Gehirns sind.
- van der Helm, E. und Walker, M. P. (2009): Overnight therapy? The role of sleep in emotional brain processing. Psychological Bulletin, 135(5), 731 bis 748. Belegt, dass REM-Schlaf emotionale Erfahrungen verarbeitet und integriert, und erklärt, warum ausreichend Schlaf nach belastenden Erlebnissen die emotionale Reaktivität messbar reduziert.
- Cartwright, R. D. (2010): The Twenty-four Hour Mind: The Role of Sleep and Dreaming in Our Emotional Lives. New York: Oxford University Press. Zeigt, wie Träume die emotionale Verarbeitung des Tages fortsetzen, und beschreibt, warum Menschen in emotional intensiven Lebensphasen lebhafter träumen.

