Wieso träumen 67 Prozent vom Berufswechsel, aber nur 12 Prozent wagen ihn?
Berufliche Veränderungswünsche betreffen Menschen, die ganz unterschiedliche Voraussetzungen dafür mitbringen. Berufliche Veränderungen haben immer Einfluss auf andere Lebensbereiche wie Familie, soziale Beziehungen, Lebenszufriedenheit und Gesundheit.
Warum die Grundfrage auch im Beruf immer wieder gestellt wird
Aufgrund der zahlreichen strukturellen Veränderungen im sozialen und wirtschaftlichen Leben wird von Menschen heute viel mehr Flexibilität und Mobilität erwartet als früher. Auch im Berufsleben stellt sich immer wieder die Frage „Ändern oder Bleiben“. Manche arbeiten in Berufen, die sie als uninteressant, überfordernd oder belastend empfinden, und entscheiden sich dennoch aus verschiedenen Gründen zum Bleiben, etwa weil sie sich keine wirklich interessante Alternative vorstellen können, eine Verschlechterung befürchten oder ihre derzeitige Beschäftigung finanzielle Sicherheit bietet.
Andere entscheiden sich für die Alternative Ändern und streben einen Berufswechsel an, weil sie ihre finanzielle Situation verbessern wollen, ihr bisheriger Beruf sie nicht mehr ausfüllt, sie eine neue Herausforderung suchen oder ihr kreatives Potenzial stärker entfalten möchten.
Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarktforschung zeigt: Rund zwei Drittel aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer träumen von einem Berufswechsel, aber nur etwa jede achte Person wagt ihn tatsächlich. Der Hauptgrund für diese große Lücke zwischen Wunsch und Handlung ist meist nicht fehlende Motivation, sondern Angst, vor allem vor finanzieller Unsicherheit.
Institut für Arbeitsmarktforschung, zitiert nach lebensstory.com (2024).
Standortbestimmung im Beruf
Ein Berufswechsel muss in jedem Fall gründlich durchdacht und gut vorbereitet werden. Arbeit stellt einen fundamentalen Lebenswert dar, der das Leben in ganz entscheidender Weise strukturiert und organisiert, Arbeitszufriedenheit nimmt daher einen sehr hohen Stellenwert ein.
Entspricht die Höhe deines Gehalts deinen Vorstellungen? Bist du mit dem Führungsstil deiner Vorgesetzten einverstanden? Funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kollegen? Fühlst du dich angemessen anerkannt? Kannst du dein Arbeitstempo selbst bestimmen? Hast du Einfluss auf Entscheidungen, die dich betreffen?
Meist wissen wir sehr viel schneller und genauer, was wir nicht wollen, und finden es viel schwieriger herauszufinden, was wir wollen. Beginne die Überlegungen mit den Fragen: Was will ich? Wie soll meine Zukunft aussehen?
Anforderungsprofil und Leistungsprofil
Im Zusammenhang mit dem Gedanken an einen Berufswechsel überlege genau, welche Voraussetzungen du für einen neuen Beruf erfüllen müsstest, was erwartet wird (Anforderungsprofil), und wieweit deine Kenntnisse und Fähigkeiten diesen Anforderungen entsprechen (Leistungsprofil). So erfährst du, welche Stärken du ausbauen und welche Schwächen du abbauen musst, um den Anforderungen zu entsprechen.
| Anforderungsprofil | Leistungsprofil |
|---|---|
| Erforderliche Fähigkeiten, Kenntnisse | Vorhandene Fähigkeiten, Kenntnisse |
Ist-Zustand beschreiben: Was gefällt mir, was gefällt mir nicht? Soll-Zustand beschreiben: Wie stelle ich mir die neue Tätigkeit vor? Wunschfirma: Wie sollte die Firma aussehen, bei der ich arbeiten möchte? Meine Stärken: Was kann ich gut? Meine Schwächen: Was fehlt mir? Verfüge ich über ausreichend Information?
Wiedereinstieg in den Beruf
Vielleicht willst du deinen Beruf gar nicht wechseln, sondern möchtest nach einer längeren Pause, bedingt durch Krankheit, Kindererziehung oder Umzug, wieder in den Beruf zurückkehren. Diesen Schritt begleiten nicht nur positive, erwartungsvolle, sondern auch unangenehme Gefühle, Bedenken, Befürchtungen und Ängste: die Angst vor neuen Anforderungen, die bange Frage, ob Wissen und Erfahrung noch ausreichen, Befürchtungen, nicht flexibel genug zu sein, oder die Angst, mit jüngeren Kollegen nicht mehr mithalten zu können.
Eine aktuelle Studie zu Berufsrückkehrerinnen und Berufsrückkehrern zeigt ein deutlich positiveres Bild, als die verbreiteten Ängste vermuten lassen: Drei Viertel der Befragten sehen im Wiedereinstieg die Möglichkeit, sich beruflich ganz oder teilweise neu zu orientieren, und fast neun von zehn sind an einer beruflichen Weiterbildung interessiert, meist mit dem Wunsch nach zeitlicher und örtlicher Flexibilität.
IU Internationale Hochschule, Studie zum Wiedereinstieg in den Beruf.
Um diesen verunsichernden Faktoren ein Gegengewicht entgegenzuhalten, hilft es, ein Stärkeprofil zu erstellen, in dem du alle Aufgaben anführst, die du in deinem Leben schon bewältigt hast.
Das Stärkeprofil
Nur wer von seinen eigenen Fähigkeiten einigermaßen überzeugt ist, kann auch andere von sich überzeugen. Sich der eigenen Stärken bewusst zu werden, ist eine Voraussetzung für selbstsicheres Auftreten. Wenn du dich selbst annimmst und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickelst, wirst du dich auch selbstsicher darstellen können. Selbstvertrauen beginnt mit der Annahme der eigenen Person.
Ich freue mich zu sehen, wie gut ich ___ kann. · Ich finde, dass mir ___ gut gelungen ist. · Ich kann ausgezeichnet ___. · Es fällt mir leicht ___. · Meine Stärken helfen mir beim ___. · Ich bin ___. Ich mag ___. Ich interessiere mich für ___.
Ergänze diese Sätze für dich, ohne dabei auf eine bestimmte Reihenfolge zu achten.
| Bereich | Stärken, Fähigkeiten, Talente |
|---|---|
| Familie | |
| Beruf | |
| Persönlichkeit | |
| Freundeskreis | |
| Wissen, Ausbildung, Erfahrung |
Eine Sammelauswertung zahlreicher Studien zeigt, dass Menschen, die ihre persönlichen Stärken kennen und bewusst einsetzen, über mehr Engagement, höheres Wohlbefinden und mehr Zuversicht in Veränderungssituationen berichten, als wenn der Fokus vor allem auf Defiziten und Schwächen liegt. Ein Stärkeprofil wirkt damit nicht nur beruhigend, sondern hat einen nachweisbaren Effekt auf die tatsächliche Bewältigung neuer Herausforderungen.
Meyers, M. C., van Woerkom, M. & Bakker, A. B. (2013), The Added Value of the Positive: A Literature Review of Positive Psychology Interventions in Organizations. European Journal of Work and Organizational Psychology, 22(5).
Zwischen dem Wunsch nach einem Berufswechsel und dem tatsächlichen Schritt liegt bei den meisten Menschen vor allem eines: Angst vor dem Ungewissen. Ein ehrlicher Abgleich von Anforderungs- und Leistungsprofil sowie ein bewusst erstelltes Stärkeprofil können genau diese Angst greifbarer und dadurch kleiner machen.
Gehörst du gerade eher zu den 67 Prozent, die träumen, oder zu den 12 Prozent, die wagen, und was würde dich einen Schritt weiterbringen?
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Institut für Arbeitsmarktforschung, zitiert nach lebensstory.com (2024): Aktuelle Erhebung zur Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach einem Berufswechsel und der tatsächlichen Umsetzung.
- IU Internationale Hochschule: Studie zu Berufsrückkehrerinnen und Berufsrückkehrern, ihren Ängsten und ihrer Weiterbildungsbereitschaft.
- Meyers, M. C., van Woerkom, M. & Bakker, A. B. (2013): The Added Value of the Positive: A Literature Review of Positive Psychology Interventions in Organizations. European Journal of Work and Organizational Psychology, 22(5). Zeigt die positive Wirkung stärkenorientierter Ansätze auf Engagement und Wohlbefinden.
- Söhn, J. (2026): Untersuchung zur beruflichen Mobilität zwischen 30 und 69 Jahren, zeigt, dass ein Berufswechsel nicht per se Auf- oder Abstieg bedeutet, sondern von vielen Faktoren abhängt.

