Warum ist der Lerntyp ein Mythos, und warum reicht guter Wille beim Lernen allein nicht aus?
Zu Beginn einer Fortbildung ist die Motivation meist hoch: neue Bücher, ein sauberer Lernplan, klare Vorsätze. Nach drei oder vier Wochen sieht es häufig anders aus. Dieser zweite Teil der Reihe zur Lern- und Arbeitsmethodik erklärt, warum der Lerntyp dabei keine Hilfe ist, und zeigt, was Motivation im Lernalltag tatsächlich stabilisiert.
- Ein fernes Prüfungsziel motiviert im Alltag kaum, kleine überprüfbare Etappenziele wirken deutlich stärker.
- Der Lerntyp, visuell, auditiv, kinästhetisch, ist eine Vorliebe, kein nachgewiesener Lernvorteil.
- Entscheidend ist nicht der Kanal, sondern wie aktiv ein Inhalt verarbeitet wird.
Zum Aufklappen: Tippe auf die Kacheln.
1Warum lässt die Motivation nach den ersten Wochen so oft nach?
Job, Alltag und Lernstoff laufen gleichzeitig weiter. Das Prüfungsziel liegt noch weit entfernt, und der anfängliche Schwung lässt nach. Gleichzeitig hält sich hartnäckig die Idee: Ich muss nur meinen Lerntyp finden, dann wird das Lernen leichter. Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick.
„Die Prüfung bestehen“ ist ein wichtiges Ziel. Für den Lernalltag ist es aber oft zu weit entfernt, um wirklich zu motivieren. Hilfreicher sind kleine, überprüfbare Etappenziele, denn sie machen Fortschritt sichtbar, lange bevor die eigentliche Prüfung ansteht.
Vages Ziel
Überprüfbares Etappenziel
Der Unterschied ist entscheidend: Im ersten Fall misst du, wie viel du bearbeitet hast. Im zweiten Fall überprüfst du, was du tatsächlich kannst. Und genau dieser sichtbare Fortschritt kann Motivation stabilisieren.
Ein abgehaktes Kapitel sagt nichts darüber aus, ob der Inhalt abrufbar ist. Ein überprüfbares Etappenziel schon, weil es dich zwingt, das Wissen tatsächlich anzuwenden, statt es nur gelesen zu haben.
2Was ist wirklich dran am Mythos vom Lerntyp?
Visuell, auditiv, kinästhetisch und so weiter, diese Einteilung klingt zunächst plausibel. Menschen haben schließlich unterschiedliche Vorlieben. Aber eine Vorliebe ist noch kein Lernvorteil. Nur weil jemand gern mit Bildern arbeitet, bedeutet das nicht automatisch, dass diese Person jeden Inhalt mit Bildern besser lernt.
Entscheidender ist, wie der Inhalt verarbeitet wird: Lesen, in eigenen Worten erklären, einen Zusammenhang skizzieren, eine Aufgabe ohne Unterlagen lösen. Statt nur einen vermeintlich passenden Lernkanal zu bedienen, lohnt es sich, mehrere Formen miteinander zu kombinieren.
Eine Vorliebe ist NICHT ein Lernvorteil. Entscheidend ist, wie du den Inhalt verarbeitest.
3Was zeigt das Beispiel von Petra?
Wie sich der Lerntyp-Mythos konkret auswirkt, zeigt das folgende Beispiel, mit Lösung zum Aufklappen.
? FALLBEISPIEL Petra erstellt seit vier Wochen aufwendige Mindmaps, kommt in Übungsaufgaben aber trotzdem regelmäßig ins Stocken.
Petra wurde in einem Online-Test als „visueller Lerntyp“ eingeordnet. Seitdem erstellt sie zu jedem Kapitel aufwendige Mindmaps. Nach vier Wochen sind viele davon fertig, bunt, übersichtlich, mit viel Mühe gestaltet. In Übungsaufgaben kommt sie trotzdem regelmäßig ins Stocken. Sie kann die Struktur ihrer Mindmap vor sich sehen, aber sobald eine konkrete Situationsaufgabe ohne Unterlagen verlangt wird, fehlen ihr die passenden Worte.
Das Problem sind nicht die Mindmaps. Das Problem ist, dass Petra fertige Mindmaps mit tatsächlicher Prüfungsreife verwechselt. Eine Mindmap zu gestalten fühlt sich produktiv an, zeigt aber vor allem, dass der Stoff einmal sortiert wurde, nicht, dass er frei abrufbar ist.
Sinnvoller wäre für Petra: Mindmap erstellen und danach ohne Unterlagen eine passende Situationsaufgabe dazu lösen. Erst dieser zweite Schritt zeigt, was wirklich sitzt, und macht sichtbar, an welcher Stelle noch eine Lücke bleibt.
Nicht dein Lerntyp entscheidet über deinen Lernerfolg. Entscheidend ist, ob dein Lernen zu sichtbarem, überprüfbarem Fortschritt führt, egal mit welchem Kanal du dabei arbeitest.
Formulierst du deine Lernziele diese Woche als Aufgabe, die du bearbeitest, oder als Fähigkeit, die du am Ende überprüfen kannst?
§ Wissenschaftlicher Hintergrund Für alle, die es genauer wissen wollen: die Studienlage zu Lerntypen und Lernzielen.
In einer umfassenden Übersichtsarbeit prüften die Autoren, ob eine Anpassung der Lehrmethode an den angeblichen Lerntyp einer Person zu besseren Lernergebnissen führt. Sie fanden keine belastbare wissenschaftliche Grundlage für diese Annahme, obwohl das Konzept in Bildung und Ratgeberliteratur weit verbreitet ist.
Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D. und Bjork, R. (2008), Learning Styles: Concepts and Evidence. Psychological Science in the Public Interest, 9(3).
Die Zielsetzungstheorie zeigt, dass spezifische, herausfordernde und überprüfbare Ziele zu deutlich besserer Leistung führen als vage, allgemein formulierte Ziele wie „sein Bestes geben“ oder ein weit entferntes Endziel ohne Zwischenschritte.
Locke, E. A. und Latham, G. P. (2002), Building a Practically Useful Theory of Goal Setting and Task Motivation. American Psychologist, 57(9).
Untersuchungen zur Selbsteinschätzung des eigenen Lernstands zeigen, dass Lernende die Qualität ihres Wissens regelmäßig überschätzen, wenn sie sich auf das Gefühl von Vertrautheit statt auf aktives Abrufen verlassen, ein Effekt, der auch bei sorgfältig erstellten Lernmaterialien wie Mindmaps auftritt.
Dunlosky, J. und Rawson, K. A. (2012), Overconfidence Produces Underachievement: Inaccurate Self Evaluations Undermine Students‘ Learning and Retention. Learning and Instruction, 22(4).

