Warum entscheidet nicht dein Wissen über deinen Prüfungserfolg, sondern die Art, wie du lernst?
Wer sich auf eine Fortbildungsprüfung vorbereitet, investiert in der Regel viele Stunden in das Lesen von Fachliteratur. Wie viel davon am Prüfungstag tatsächlich abrufbar ist, hängt jedoch weniger von der investierten Zeit ab als von der gewählten Lernmethode. Dieser erste Teil der Reihe zur Lern- und Arbeitsmethodik erklärt, warum das so ist, und liefert konkrete Techniken für die eigene Prüfungsvorbereitung.
- Passives Lesen und Markieren erzeugen ein Gefühl von Vertrautheit, das mit echtem Wissen leicht verwechselt wird.
- Drei Techniken erhöhen die Lernwirksamkeit nachweislich: aktives Abrufen, verteiltes Lernen und Erklären in eigenen Worten.
- Wer diese Techniken von Beginn der Prüfungsvorbereitung an nutzt, verringert die Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Prüfungsreife.
Zum Aufklappen: Tippe auf die Kacheln.
1Begriffsklärung: Was ist Lern- und Arbeitsmethodik?
Lern- und Arbeitsmethodik bezeichnet die Fähigkeit, den eigenen Lernprozess bewusst zu planen, zu strukturieren und zu kontrollieren, statt sich ausschließlich auf Fachinhalte zu konzentrieren. Sie umfasst drei Ebenen: die Auswahl geeigneter Lerntechniken für unterschiedliche Stoffarten, die zeitliche Organisation des Lernens über einen längeren Vorbereitungszeitraum sowie die realistische Einschätzung des eigenen Lernstands.
In der Fortbildungsvorbereitung wird dieser Bereich häufig übersprungen, weil er auf den ersten Blick keinen eigenen Prüfungsstoff liefert. Tatsächlich bildet er jedoch die Grundlage, auf der jede weitere fachliche Auseinandersetzung aufbaut: Ohne eine funktionierende Methodik bleibt auch inhaltlich richtig gelerntes Wissen am Prüfungstag oft nicht abrufbar.
Lern- und Arbeitsmethodik = die Gesamtheit der Techniken und Routinen, mit denen eine Person ihren eigenen Lernprozess plant, durchführt und überprüft, mit dem Ziel, Wissen dauerhaft und abrufbar zu verankern
2Welche drei Techniken helfen dir in der Praxis?
Aus der Lernforschung lassen sich drei Techniken ableiten, die sich unmittelbar auf die Vorbereitung einer Fortbildungsprüfung übertragen lassen.
- Aktives Abrufen statt Wiederlesen: Nach jedem Kapitel das Buch schließen und den Inhalt aus dem Gedächtnis in eigenen Worten wiedergeben oder eine selbst formulierte Situationsaufgabe dazu beantworten.
- Verteiltes statt geballtes Lernen: Denselben Stoff über mehrere Tage verteilt wiederholen, statt ihn an einem Abend mehrfach hintereinander zu lesen.
- Elaboration, Erklären in eigenen Worten: Fachbegriffe und Zusammenhänge so formulieren, als würde man sie einer fachfremden Person erklären. Was sich nicht einfach erklären lässt, ist meist noch nicht verstanden.
Nicht wie viel du lernst, entscheidet über die Prüfung. Es ist wie du lernst.
Der trügerische Pfad
Der wirksame Pfad
3Was zeigt ein Fallbeispiel aus der Praxis?
Wie sich fehlende Methodik konkret auswirkt, zeigt das folgende Beispiel, mit Lösung zum Aufklappen.
? FALLBEISPIEL Sven bereitet sich seit sechs Wochen auf seine Fortbildungsprüfung vor, fühlt sich aber unsicherer als zu Beginn.
Sven arbeitet als Ausbilder in einem mittelständischen Betrieb und bereitet sich neben dem Job allgemein auf seine Fortbildungsprüfung vor. Sein aktuelles Fachbuch behandelt das Thema Personalmanagement. Jeden Abend liest er nach der Arbeit ein bis zwei Kapitel daraus, markiert wichtige Stellen gelb und schreibt Randnotizen. Nach sechs Wochen hat er das gesamte Fachbuch zweimal durchgearbeitet. Als ihn ein Kollege spontan fragt, worin sich Personalentwicklung von Organisationsentwicklung eigentlich konkret unterscheidet, gerät Sven ins Stocken. Er hat das Kapitel doch gerade erst gelesen, kann es aber nicht aus dem Kopf erklären. Er fühlt sich unsicherer als vor sechs Wochen, obwohl er objektiv mehr Zeit investiert hat.
Svens Problem liegt nicht an fehlendem Fleiß, sondern an der gewählten Methode. Wiederholtes Lesen erzeugt Wiedererkennung, nicht freien Abruf, und genau der freie Abruf wird in der Prüfung verlangt, dort liegt schließlich kein Fachbuch zum Nachschlagen vor.
Sinnvoller wäre für Sven: Nach jedem gelesenen Kapitel das Buch schließen und in eigenen Worten drei bis fünf Sätze dazu aufschreiben oder laut erklären, so, als würde er es einem Kollegen beibringen. Zusätzlich hilft es, sich selbst am nächsten Tag eine Mini-Situationsaufgabe zu stellen, etwa: „Nenne zwei Instrumente der Personalentwicklung und wie du sie im Betrieb einsetzen würdest.“ Diese aktive Abfrage zeigt sofort, wo echte Lücken liegen, statt sie hinter einem Gefühl von Vertrautheit zu verstecken.
Wer wie Sven sechs Wochen mit der falschen Methode verbringt, hat objektiv gearbeitet und trotzdem subjektiv verloren. Wer stattdessen von Anfang an aktiv statt passiv lernt, braucht am Ende oft weniger Zeit, nicht mehr.
Wie hast du in den letzten Wochen tatsächlich gelernt, aktiv abgefragt oder eher passiv wiederholt?
§ Wissenschaftlicher Hintergrund Für alle, die es genauer wissen wollen: die Studienlage zu Lerntechniken.
In einer breit angelegten Auswertung von zehn gängigen Lerntechniken stuften die Autoren aktives Abrufen (Practice Testing) und verteiltes Lernen (Distributed Practice) als hochwirksam ein, während wiederholtes Lesen und Markieren zu den am wenigsten wirksamen Techniken zählten, obwohl Letztere von Lernenden am häufigsten genutzt werden.
Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J. und Willingham, D. T. (2013), Improving Students‘ Learning With Effective Learning Techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1).
Der sogenannte Testing-Effekt beschreibt den Befund, dass sich Lernende, die einen Inhalt aktiv abrufen, diesen langfristig besser merken als Lernende, die denselben Inhalt in gleicher Zeit erneut lesen, selbst wenn sich Letzteres im Moment einfacher und sicherer anfühlt.
Roediger, H. L. und Karpicke, J. D. (2006), Test-Enhanced Learning: Taking Memory Tests Improves Long-Term Retention. Psychological Science, 17(3).
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb Hermann Ebbinghaus die sogenannte Vergessenskurve: Ohne Wiederholung geht neu gelerntes Wissen innerhalb weniger Tage zu einem großen Teil wieder verloren. Über mehrere Tage verteilte Wiederholungen verlangsamen diesen Verlust deutlich stärker als eine einmalige, intensive Lernsitzung.
Ebbinghaus, H. (1885), Über das Gedächtnis. Duncker und Humblot.

