Persönliche Reflexion
Was können wir in schwierigen Zeiten wieder lernen?
Gerade in einer Zeit, in der vieles negativ erscheint, habe ich mir eine Frage gestellt: Sehen wir eigentlich noch, wie viele schöne Dinge es in unserem Leben gibt?
Wir lesen jeden Tag von Krisen, Konflikten und Problemen. Auch negative Nachrichten bekommen oft besonders viel Aufmerksamkeit. Dadurch kann schnell das Gefühl entstehen, dass fast alles schlechter geworden ist, als es tatsächlich ist.
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Ein Abend, der zum Nachdenken brachte
Vor Kurzem wurde mir bewusst, wie einseitig dieser Blick manchmal sein kann. Ich war auf einer Veranstaltung mit einer Band aus Havanna. Die Musik, die Lebensfreude und die Gemeinschaft an diesem Abend haben mich nachdenklich gemacht.
Kuba ist ein Land, in dem viele Menschen mit Problemen und Entbehrungen leben müssen, die wir uns in unserem Alltag kaum vorstellen können. Es wäre falsch, diese Schwierigkeiten zu romantisieren. Und trotzdem habe ich an diesem Abend etwas gespürt, das uns manchmal verloren zu gehen scheint: Freude an dem, was gerade da ist.
Es waren Musik, Begegnung und Zusammensein, die diesen Abend ausmachten.
Ich dachte darüber nach, was diese Menschen vielleicht alles nicht haben, was für uns selbstverständlich geworden ist, und gleichzeitig daran, wie häufig wir trotz unseres Wohlstands meckern.
Echte Sorgen ernst nehmen, und trotzdem dankbar sein
Natürlich gibt es auch bei uns echte Sorgen. Menschen haben finanzielle Probleme, fühlen sich einsam oder machen sich Gedanken über ihre Zukunft. Dankbarkeit bedeutet nicht, diese Probleme kleinzureden.
Aber vielleicht sollten wir uns wieder öfter bewusst machen, was wir haben.
Woran es sich zu erinnern lohnt
- ein gedeckter Tisch
- ein warmes Zuhause
- Freunde und Familie
- die Möglichkeit, sich frei zu bewegen
- Musik zu hören, gemeinsam zu feiern und miteinander zu lachen
- Menschen, die füreinander da sind
Zwei Arten, auf das eigene Leben zu blicken
Vielleicht brauchen wir gerade in schwierigen Zeiten weniger Gegeneinander und wieder mehr Miteinander. Ein kleiner Unterschied in der Fragestellung kann dabei schon viel verändern.
Der übliche Blick
Der dankbare Blick
Was im Gehirn passiert, wenn wir dankbar sind
Stell dir den Moment vor
Schließe kurz die Augen: warme Abendluft, die ersten Trommelschläge, die den Raum füllen, fremde Menschen, die sich in die Arme fallen, weil die Musik sie einfach zusammenzieht. Genau in diesem Moment beginnt im Gehirn etwas zu passieren, das sich inzwischen sogar im Kernspintomografen sichtbar machen lässt.
Dass sich Dankbarkeit gut anfühlt, ist keine reine Kopfsache, sie lässt sich inzwischen auch im Gehirn selbst nachweisen. Neurowissenschaftler der University of Southern California zeigten Versuchspersonen Berichte von Holocaust-Überlebenden, die von rettender Hilfe durch Fremde erzählten, und maßen währenddessen die Hirnaktivität im Kernspintomografen. Je stärker die Teilnehmenden Dankbarkeit empfanden, desto aktiver waren der anteriore cinguläre Cortex und der mediale präfrontale Cortex, zwei Regionen, die auch an moralischer Bewertung und Empathie beteiligt sind.
Eine Studie der Indiana University ließ eine Gruppe von Menschen in Psychotherapie drei Wochen lang wöchentlich Dankesbriefe schreiben. Drei Monate später, ohne dass in der Zwischenzeit weitergeschrieben wurde, zeigte diese Gruppe im Kernspintomografen noch immer eine messbar stärkere Reaktion im medialen präfrontalen Cortex, wenn sie Dankbarkeit empfanden, als die Vergleichsgruppe. Eine kurze Übung kann also über Monate im Gehirn nachwirken.
Kini, P., Wong, J., McInnis, S., Gabana, N. & Brown, J. W. (2016), NeuroImage, 128, 1–10.
Auch außerhalb des Scanners lässt sich der Effekt messen. In einer vielzitierten Reihe von Experimenten baten Psychologen Teilnehmende, über mehrere Wochen entweder regelmäßig aufzuschreiben, wofür sie dankbar waren, oder stattdessen alltägliche Ärgernisse zu notieren.
Emmons und McCullough wiederholten ihr Experiment in drei separaten Studien, mit wöchentlichen und mit täglichen Dankbarkeitstagebüchern, sogar mit Menschen, die an einer neuromuskulären Erkrankung litten. In allen drei Studien berichtete die Dankbarkeits-Gruppe von durchgehend positiverer Stimmung als die Vergleichsgruppen, der am robustesten belegte Effekt der gesamten Untersuchung.
Emmons, R. A. & McCullough, M. E. (2003), Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389.
Was am Ende zählt
Der Abend mit der Band aus Havanna hat mich daran erinnert, dass Lebensqualität nicht nur daraus entsteht, wie viel wir besitzen. Sie entsteht auch durch Gemeinschaft, Menschlichkeit, Musik, Gespräche und die Fähigkeit, einen schönen Augenblick überhaupt noch wahrzunehmen.
Vielleicht können wir nicht die ganze Welt verändern, aber wie wir einander begegnen und unser Umfeld gestalten, liegt durchaus in unserer Hand.
Fazit für deinen Alltag
Es lohnt sich, mehr Dankbarkeit für das zu entwickeln, was wir haben, weniger über das zu meckern, was uns fehlt, und vor allem wieder mehr füreinander da zu sein.
Wann hast du zuletzt bewusst innegehalten und bemerkt, wie viel eigentlich schon da ist?
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Fox, G. R., Kaplan, J., Damasio, H. & Damasio, A. (2015): Neural correlates of gratitude. Frontiers in Psychology, 6, 1491. fMRT-Studie zur Aktivität im anterioren cingulären und medialen präfrontalen Cortex bei Dankbarkeitsgefühlen.
- Kini, P., Wong, J., McInnis, S., Gabana, N. & Brown, J. W. (2016): The effects of gratitude expression on neural activity. NeuroImage, 128, 1–10. Zeigt eine noch drei Monate nach einer Dankbarkeitsbrief-Übung messbar veränderte Hirnaktivität.
- Emmons, R. A. & McCullough, M. E. (2003): Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389. Grundlegende Studie zum Effekt von Dankbarkeitstagebüchern auf Stimmung und Wohlbefinden.

