Neuropsychologie für den akademischen Alltag
Warum schaffen selbst kluge Köpfe keine 47 Sekunden Fokus mehr?
Ein Gedanke, bevor du weiterliest: Wie viele Minuten am Stück schaffst du es derzeit tatsächlich, ein Paper zu lesen, eine Analyse zu Ende zu denken oder einen Absatz zu schreiben, ohne zwischendurch aufs Handy zu schielen? Die Forschung zu genau dieser Frage liefert einige Überraschungen, gerade für Menschen, die beruflich von konzentriertem Denken leben.
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Aha-MomentDu hast bestimmt schon gehört: Menschen haben angeblich eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne als ein Goldfisch, nur 8 Sekunden. Stimmt das eigentlich?
1Die Schrumpfkur der Aufmerksamkeitsspanne, in Zahlen
Unsere Zeit ist kostbar, doch oft lassen wir uns von kleinen Dingen ablenken. Wie sehr, das lässt sich sogar in Sekunden messen, und die Zahlen entwickeln sich seit über zwanzig Jahren in eine ziemlich eindeutige Richtung: von durchschnittlich 2,5 Minuten Fokus auf einem Bildschirm im Jahr 2004 über 75 Sekunden im Jahr 2012 bis zu nur noch 47 Sekunden heute.
Der Psychologe Larry Rosen von der California State University ließ Versuchspersonen schon vor einigen Jahren an einer Konzentrationsaufgabe arbeiten und protokollierte jede Minute. Das Ergebnis war ernüchternd: Im Schnitt hielten die Teilnehmenden nur wenige Minuten durch, bevor sie sich ablenken ließen, meist von ihrem Smartphone.
Die Informatik-Professorin Gloria Mark von der University of California, Irvine, misst seit über zwanzig Jahren, wie lange Menschen auf einem Bildschirm bleiben, bevor sie zu etwas anderem wechseln. Waren es 2004 noch zweieinhalb Minuten, sind es aktuell im Schnitt nur noch 47 Sekunden.
Mark, G. (2023), Attention Span: A Groundbreaking Way to Restore Balance, Happiness and Productivity. Hanover Square Press.
Aha-MomentRate kurz: Wie lange dauert es im Schnitt, bis dein Gehirn nach einer einzigen Unterbrechung wieder vollständig bei der ursprünglichen Aufgabe ist?
2Zwei Gehirne kämpfen um dein Handy
Der Neuropsychologe Theo Compernolle hat erforscht, warum wir uns so leicht ablenken lassen. Die Antwort liegt tief in unserem Kopf, in einem der ältesten Teile des Gehirns, der auf sinnliche Veränderungen wie Lichter, Bilder und Geräusche reagiert, bevor wir überhaupt bewusst darüber nachdenken können. Klick die beiden Karten an und lerne die Gegenspieler kennen.
Der Uralt-Wächter
Der ruhige Denker
Diese alte Reaktionsbereitschaft ist im heutigen Berufsalltag, gerade bei Aufgaben, die Lesen, Schreiben oder komplexes Denken verlangen, eher ein Nachteil. Hinzu kommt ein unangenehmer Nebeneffekt: Je öfter du dem Reiz nachgibst, desto leichter fällt es deinem Gehirn beim nächsten Mal, wieder genauso zu reagieren, eine Art Training, nur in die falsche Richtung.
Wie mächtig dieser alte Wächter im Kopf noch ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung der Universität Bern: Allein die sichtbare Präsenz eines Smartphones in Reichweite senkt die Konzentrationsfähigkeit messbar, auch wenn das Gerät die ganze Zeit stumm und ungenutzt daliegt. Besonders betroffen sind jüngere Menschen, deren Großhirnrinde noch nicht vollständig ausgereift ist.
Studer, B. & Margelisch, K. (2026), Universität Bern.
Aha-MomentMuss dein Handy überhaupt an sein, um deine Konzentration zu stören?
3Dein Gehirn räumt nur im Stillen auf
Auch das Langzeitgedächtnis wird in einer Welt voller Ablenkungen an seiner Arbeit gehindert. Die dafür zuständigen Gehirnareale empfangen laufend Sinnesinformationen und müssen entscheiden, was gelöscht wird und was im Gedächtnis bleibt. Dieses Sortieren gelingt dem Gehirn am besten im Ruhezustand, gerade jener Zustand, den anspruchsvolle intellektuelle Arbeit für neue Verknüpfungen und Ideen ebenfalls braucht.
Immer wenn du bewusst nichts tust, kein Handy, keine Aufgabe, kein Reiz, wird im Gehirn ein Netzwerk aktiv, das sogenannte Default Mode Network. Es tritt genau dann in Aktion, wenn äußere Aufgaben wegfallen, und wird mit Tagträumen, dem Verknüpfen entfernter Ideen und plötzlichen Geistesblitzen in Verbindung gebracht. Wer den Tag lückenlos mit Reizen füllt, gibt diesem Netzwerk kaum eine Chance, aktiv zu werden.
Der Informatikprofessor Cal Newport prägte für genau diese Art ungestörten, kognitiv anspruchsvollen Arbeitens den Begriff Deep Work, im Unterschied zum oberflächlichen, häufig unterbrochenen Shallow Work, aus dem sich der Arbeitsalltag vieler wissenschaftlich oder analytisch Tätiger zunehmend zusammensetzt. Seine These: Die Fähigkeit zu ungestörter, konzentrierter Arbeit wird seltener und dadurch wertvoller, gerade weil die meisten Umgebungen inzwischen auf das Gegenteil ausgelegt sind.
Newport, C. (2016), Deep Work: Rules for Focused Success in a Distracted World. Grand Central Publishing.
4Fünf Stellschrauben für mehr Fokus
Die gute Nachricht: Der ständige Sog der Ablenkung lässt sich mit wenigen, konsequent angewendeten Regeln spürbar abschwächen.
Reserviere dir darüber hinaus täglich eine feste Stunde nur für dich, ganz ohne Technik und ohne Ablenkung. Am wirksamsten ist diese Stunde zu der Tageszeit, zu der du ohnehin am klarsten denkst, für die meisten Menschen ist das der Vormittag.
Dein Gehirn ist nicht kaputt, wenn es sich ablenken lässt, es folgt nur einem sehr alten Programm, das mit Displays und Benachrichtigungen nie gerechnet hat. Die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft seit zwanzig Jahren messbar, aber du kannst deinem Großhirn bewusst die Ruhe verschaffen, die es für konzentriertes Denken, Sortieren und Erinnern braucht.
Wann hast du zuletzt 30 Minuten am Stück wirklich ungestört gearbeitet, und was müsste sich ändern, damit das öfter gelingt?
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Rosen, L. D.: Untersuchung zur Konzentrationsfähigkeit bei einer Arbeitsaufgabe und den Ursachen für Ablenkung, California State University. Zitiert nach flow Magazin, Ausgabe 17/2016.
- Compernolle, T.: Forschung zur Rolle des Hirnstamms bei der Reizverarbeitung und zur Bedeutung von Ruhephasen für Großhirn und Langzeitgedächtnis. Zitiert nach flow Magazin, Ausgabe 17/2016.
- Mark, G. (2023): Attention Span: A Groundbreaking Way to Restore Balance, Happiness and Productivity. Hanover Square Press. Über zwei Jahrzehnte erhobene Daten zur sinkenden Aufmerksamkeitsspanne auf Bildschirmen, von 2,5 Minuten (2004) auf 47 Sekunden (aktuell), sowie zur Erholungszeit nach Unterbrechungen.
- Studer, B. & Margelisch, K. (2026): Untersuchung der Universität Bern zur Wirkung der bloßen Anwesenheit eines Smartphones auf die Konzentrationsfähigkeit.
- flow Magazin, Ausgabe 17/2016: „All die schönen Ablenkungen“, Ursprungsquelle der praktischen Tipps zum Umgang mit Ablenkung im Alltag.
- Newport, C. (2016): Deep Work: Rules for Focused Success in a Distracted World. Grand Central Publishing. Grundlagenwerk zum Konzept des ungestörten, kognitiv anspruchsvollen Arbeitens im Unterschied zu fragmentierter, häufig unterbrochener Alltagsarbeit.
- Raichle, M. E. (2015): The Brain’s Default Mode Network. Annual Review of Neuroscience, 38. Überblicksarbeit zum Default Mode Network, jenem Hirnnetzwerk, das bei fehlender äußerer Aufgabenstellung aktiv wird und mit Tagträumen, Erinnern und dem Verknüpfen von Ideen in Verbindung gebracht wird.
- Maybin, S. (2017), BBC: Recherche zur Herkunft der „8-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne“ aus einem Microsoft-Canada-Bericht von 2015, dessen zugrunde liegende Quelle nicht nachweisbar war. Grundlage für die Einordnung des sogenannten Goldfisch-Mythos.

