Manchmal passiert es schleichend: Dein Team rutscht in Fronten. Kleine Missverständnisse werden zu Spannungen, die Atmosphäre kippt – erst kaum merkbar, dann so deutlich, dass es dir auf die Seele schlägt. Vielleicht wird gelästert, Verantwortung abgeschoben, oder jemand weicht jeder Form von Fehlerkultur aus. Plötzlich stehst du zwischen zwei Seiten, die längst nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander arbeiten.
Du fühlst dich unwohl, angespannt, vielleicht sogar schuldig. Und hier ist etwas Wichtiges, das du dir ganz tief verinnerlichen darfst:
Es liegt nicht an dir, dass dich das belastet.
Du bist nicht überempfindlich. Du bist ein Mensch – und Menschen reagieren auf soziale Spannungen instinktiv. Das ist neurobiologisch tief in uns verankert. Wir sprechen hier von einem Zustand, der dem „Total Pain“ sehr nahekommt.
Warum dich diese Stimmungen so stark treffen – Die Dimensionen des Total Pain
Das Konzept des „Total Pain“ – ursprünglich aus der Palliativmedizin – beschreibt Schmerz, der weit über das Körperliche hinausgeht. Er erfasst die vier Dimensionen menschlichen Leidens. Und genau diese Dimensionen werden in einer toxischen Teamdynamik angesprochen:
- Physische Dimension (Körperliche Reaktion): Die Forschung in Psychologie und Neurowissenschaft zeigt, dass das Gehirn sozialen Schmerz ähnlich verarbeitet wie körperlichen Schmerz. Die ständige Anspannung, der hohe Cortisolspiegel durch den Alarmzustand, die Bauchschmerzen vor dem Meeting – das ist realer, körperlicher Schmerz.
- Psychische Dimension (Gedanken und Gefühle): Die Unsicherheit, die Angst vor Fehlern, die ständige Grübelei – dein Kopf kommt nicht zur Ruhe. Die Belastung äußert sich in Konzentrationsproblemen und emotionaler Erschöpfung.
- Soziale Dimension (Beziehung zur Umwelt): Hier schlägt die Lagerbildung voll zu. Du fühlst dich isoliert, ausgegrenzt, vielleicht unfair behandelt. Die Zugehörigkeit (ein menschliches Grundbedürfnis!) wird dir entzogen.
- Spirituelle Dimension (Sinnhaftigkeit): Wenn die Zusammenarbeit scheitert, leidet die Sinnhaftigkeit deiner Arbeit. Du fragst dich: „Wofür tue ich das eigentlich noch?“ oder „Passt mein Wertesystem überhaupt noch hierher?“
Das ist die Last, die du trägst, wenn dein Team in Fronten kippt.
Wie du dich selbst stabilisieren kannst – Die Rückkehr zu dir selbst
Bevor du im Außen versuchst, die Fronten zu reparieren, musst du Stabilität im Inneren schaffen. Du musst dich wieder bei dir selbst verankern.
1. Erkenne deine innere Dynamik – Was triggert dich?
Frag dich ehrlich, was dich gerade triggert. Welche alte Erfahrung (vielleicht von früher) wird berührt? Welche Gefühle tauchen auf: Angst? Wut? Ohnmacht? Hilflosigkeit? Benenne die Schmerzdimensionen, die dich am stärksten treffen.
Alles, was du klar benennst, verliert Macht. Bewusstsein schafft Handlungsfähigkeit.
2. Trenne zwischen Verhalten und Person
Wenn jemand Schuld abwehrt, lästert oder Verantwortung wegschiebt, ist das fast immer ein Ausdruck eigener Unsicherheit.
❗ Das sagt nichts über deinen Wert aus.
❗ Und es ist nicht deine Last.
Das Verhalten der anderen ist ungesund – aber nicht deine Identität.
3. Bleib bei dir – Die Kunst der Selbstanbindung
In Momenten der Unsicherheit versuchen viele, sich anzupassen oder zu verbiegen, um dazuzugehören. Doch dabei verlieren sie ihre innere Stabilität.
Halte deine innere Klarheit fest:
- „Was ist mein Wert?“
- „Was ist mir wichtig?“
- „Wie möchte ich auftreten?“
Das ist kein Egoismus. Das ist Selbstfürsorge.
Was du im Team konkret tun kannst – Klarheit gegen den Schmerz
Aus dieser inneren Stabilität heraus kannst du im Außen wirken.
- Steig nicht in destruktive Allianzen ein: Auch wenn es sich kurz warm anfühlt, das gemeinsame Lästern stabilisiert niemals dich – es stabilisiert nur das Problem. Dein sozialer Schmerz wird dadurch nicht geheilt.
- Kommuniziere freundlich, klar und direkt: Sprich über Wirkung statt Schuld: „Bei mir entsteht der Eindruck, dass…“ oder „Ich erlebe die Situation so, dass…“ Das reduziert Abwehr und öffnet Raum für ehrlichen Austausch, der der psychischen Dimension guttut.
- Setze Grenzen – leise, aber deutlich: Grenzen sind kein Angriff. Sie sind Selbstfürsorge. Zum Beispiel: „Ich möchte nicht über Abwesende sprechen.“ oder „Ich würde das gern im Team klären.“ Solche Sätze wirken wie ein stabiler Anker gegen die soziale Isolation.
- Erinnere an das gemeinsame Ziel: Unter Stress vergessen Menschen schnell, warum sie zusammenarbeiten. Eine sanfte, klare Erinnerung an den gemeinsamen Sinn kann die spirituelle Dimension wieder stärken.
- Nimm Druck heraus – vor allem bei dir selbst: Du musst nicht alles reparieren. Du musst niemanden retten. Du musst nur für dich sorgen und in deinem klaren Inneren bleiben. Allein diese Stärke hat die Kraft, Teams zu verändern – still, aber tief.
Der wichtigste Gedanke zum Schluss
Wenn ein Team in Fronten kippt, fühlt man sich schnell ohnmächtig.
Aber:
Ohnmacht ist ein Gefühl – keine Tatsache.
Du hast Einfluss indem du bewusst, klar und selbstverbunden auftrittst. Das ist die Heilung für den Total Pain in deiner Teamdynamik.


