Warum lässt du dich so leicht ablenken, und wie holst du dir deine Konzentration zurück?
Deine Zeit ist kostbar, doch oft lässt du dich von kleinen Dingen ablenken und verschwendest sie. Dass Menschen immer häufiger Zeit auf diese Weise verlieren, wird auch von verschiedenen Psychologinnen und Psychologen bestätigt, und die Zahlen dazu sind erstaunlich deutlich.
- In Studien konnten sich Versuchspersonen im Schnitt nur drei Minuten auf eine Aufgabe konzentrieren, bevor Technik sie ablenkte.
- Der älteste Teil deines Gehirns reagiert blitzschnell auf Reize, das war für deine Vorfahren überlebenswichtig, ist im Alltag heute aber oft ein Nachteil.
- Dein Gehirn sortiert und speichert Erinnerungen am besten im Ruhezustand, den es in einer Welt voller Ablenkungen kaum noch bekommt.
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1Wie viel Zeit geht wirklich durch Ablenkung verloren?
Der Psychologe Larry Rosen von der California State University führte dazu eine Untersuchung durch. Ihn interessierte vor allem, ob sich die Versuchspersonen auf ihre Aufgabe konzentrieren konnten und, wenn nicht, wodurch sie abgelenkt wurden. Jede Minute wurde erfasst. Die Ergebnisse waren beunruhigend: Die Versuchsteilnehmenden konnten sich im Schnitt nur drei Minuten auf ihre Aufgabe konzentrieren und ließen sich ständig von Technik ablenken, hauptsächlich von ihrem Smartphone.
im Schnitt konnten sich die Versuchsteilnehmenden auf ihre Aufgabe konzentrieren, bevor sie sich von Technik, vor allem vom eigenen Smartphone, ablenken ließen.
Rosen, L. D. et al. (2013): Facebook and Texting Made Me Do It. Computers in Human Behavior, 29(3). California State University.
2Warum lässt du dich so leicht ablenken?
Der Neuropsychologe Theo Compernolle hat erforscht, warum wir uns so leicht ablenken lassen. Du lässt dich zu sehr vom ältesten Teil deines Hirnstamms beeinflussen. Dieser verarbeitet eingehende Reize und reagiert empfindlich auf sinnliche Veränderungen wie Lichter, Bilder und Geräusche. Für deine Vorfahren in der Savanne war blitzschnelles Reagieren wichtig fürs Überleben, heute ist es eher ein Nachteil. Im Job und Alltag brauchst du eher die Fähigkeiten deines Großhirns, das reflektiert, auswählt und bewertet.
3Warum braucht dein Gedächtnis Ruhephasen, die es kaum noch bekommt?
Auch dein Langzeitgedächtnis wird in einer Welt voller Ablenkungen an seiner Arbeit gehindert. Die für das Erinnern und Abspeichern zuständigen Gehirnareale empfangen alle Sinnesinformationen des Hirnstamms und entscheiden dann, was gelöscht wird und was im Gedächtnis bleibt. Dieses Sortieren und Speichern kann dein Gehirn am besten im Ruhezustand leisten. Heute gibt es aber kaum noch ruhige Momente.
Nach einer Unterbrechung von 30 Sekunden braucht dein Gehirn zwei Minuten, um wieder volle Konzentration zu erreichen.
4Was bringt dir eine bewusste Offline-Stunde?
Plane dir pro Tag eine freie Stunde nur für dich ein, ohne Technik, ohne Ablenkungen. Geh offline. Die beste Zeit dafür ist die, in der du am klarsten denken kannst, für die meisten Menschen der Vormittag. So bringst du bessere Leistungen als an Tagen ohne Ruhepausen, denn das Sortieren und Speichern kann dein Gehirn am besten im Ruhezustand leisten.
Verschwende keine Zeit mit Surfen im Internet, sondern erledige die Arbeit gleich. Arbeite 30 Minuten am Stück an einer Sache, das ist zehnmal effizienter, als alle drei Minuten unterbrochen zu werden. Sammle Mails und Kleinkram und bearbeite sie in einem festen Block. Schalte Telefon und Handy bei wichtigen Aufgaben aus. Nutze Ohrstöpsel, wenn es im Büro laut ist. Geh eine Runde oder schnapp frische Luft, sobald deine Konzentration nachlässt. Und mach alle 45 Minuten eine kurze Pause und geh offline, denn 45 Minuten entsprechen etwa deinem normalen Konzentrationszyklus.
In den Momenten, in denen du mal nichts tust oder nur ein wenig plauderst, verarbeitest du Informationen und kommst auf deine kreativsten Ideen. Eine Welt ohne jede Ablenkung wird es nicht geben, aber eine Stunde am Tag, in der du dir diese Ruhe bewusst nimmst, kann genau den Unterschied machen, den dein Gehirn braucht.
Wann hattest du zuletzt eine ganze Stunde ohne Technik und ohne Unterbrechung, nur für dich?
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Rosen, L. D., Carrier, L. M. und Cheever, N. A. (2013): Facebook and Texting Made Me Do It: Media-Induced Task-Switching While Studying. Computers in Human Behavior, 29(3). Zeigt anhand minutengenauer Beobachtung, dass Studierende sich im Schnitt nur wenige Minuten am Stück konzentrieren können, bevor Technik sie ablenkt.
- Compernolle, T. (2014): BrainChains: Discover Your Brain, Unleash Its Full Potential in a Hyperconnected Multitasking World. Better Books. Erklärt, warum der älteste Teil des Gehirns auf Reize reagiert, bevor das reflektierende Großhirn eingreifen kann, und warum das im modernen Alltag zur Ablenkungsfalle wird.
- Ursprünglich erschienen als redaktioneller Beitrag im flow Magazin, Ausgabe 17/2016, auf dem dieser Artikel inhaltlich aufbaut.

