Als die Gefühle Farben bekamen – wie mein eigenes Modell entstand

Es gibt Momente, in denen wir plötzlich verstehen, dass wir all die Jahre eine Landkarte gebraucht hätten, die uns niemand gegeben hat. Eine Karte für unsere inneren Zustände. Für das, was in uns passiert, lange bevor wir Worte finden.

Genau so begann dieses Modell – für mich selbst. Für die vielen Situationen, in denen ich spürte, dass mein Nervensystem reagiert – stärker, schneller, intensiver, als ich es erklären konnte. Für die Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich gerade traurig bin oder schon im Rückzug. Ob ich funktioniere oder kämpfe. Ob ich mich anpasse oder wirklich einverstanden bin.

Und je mehr ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir:
Unser Nervensystem spricht in Farben.

Aber die bekannten Modelle sprachen nicht meine Sprache. Also begann ich, Stück für Stück meine eigene zu entwickeln.


Wie ich zu meinem Modell gefunden habe

Ich habe mich auf einen Weg gestützt, der schon vor mir gegangen wurde – von großartigen Menschen und bedeutenden Forschungsrichtungen:

  • die Polyvagaltheorie von Stephen Porges, die erklärt, wie Sicherheit, Bindung, Kampf, Flucht und Shutdown im Nervensystem entstehen
  • das Window of Tolerance von Dan Siegel, das sichtbar macht, wann wir im regulierten Bereich sind und wann wir darüber hinausgehen
  • das Trauma-4-State-Modell (Fight, Flight, Freeze, Fawn), das nicht „Probleme“, sondern Schutzreaktionen beschreibt
  • das 4-Color Stress Model, das neurobiologisches Wissen in Farben übersetzt
  • das pädagogische Modell der Zones of Regulation, das Kindern hilft, Gefühle einzuordnen
  • und viele traumapädagogische Erweiterungen (Hyperfokus, tiefer Shutdown, Überanpassung)

Ich habe sie gelesen, studiert, angewendet, auseinandergebaut – und gemerkt:
Sie passen zusammen, aber sie sprechen unterschiedliche Sprachen.

Und weil ich eine einzige, klare, intuitive Sprache brauchte – habe ich begonnen, die Farben neu zu ordnen. Weil unser Nervensystem diese Differenzierung braucht – und weil ich in meinen Fortbildungen und pädagogischen Kontexten sehe: viele andere brauchen sie auch.

So entstand „Die 7 Farben des Nervensystems“.
Erst für mich. Dann für mein neues Buch „Als die Gefühle Farben bekamen“.
Und jetzt teile ich es – weil Wissen dann am stärksten wirkt, wenn wir es gemeinsam halten.


🌈 Die 7 Farben des Nervensystems – einfach erklärt

(mit Bezügen zu allen Fachmodellen in Klammern)


🟩 GRÜN – Wenn ich mich sicher und verbunden fühle

In Grün fühlt sich der Körper ruhig, klar und sozial offen.
Ich kann denken, lernen, zuhören und mit anderen in Kontakt sein.

  • Zustand von Sicherheit & Verbindung (Polyvagal: ventral-vagal)
  • regulierter Bereich (Window of Tolerance)
  • sozial bereit, fokussiert (Zones of Regulation: Green Zone)
  • Stabilität & Präsenz (4-Color Stress Model)
  • kein Überlebensmodus (Trauma 4-State)

Kurz: In Grün bin ich „ich selbst“.


🟨 GELB – Wenn mein Körper Alarm gibt

In Gelb wird alles etwas zu viel. Ich bin wacher, unruhiger, schneller, angespannter.
Ich bin noch ansprechbar, aber brauche Orientierung und Entlastung.

  • frühe Stressaktivierung (Polyvagal: leichter Sympathikus)
  • beginnendes Hyperarousal (Window of Tolerance)
  • Flucht-Tendenzen oder Überforderung (Trauma 4-State: Flight)
  • Warnstufe (4-Color Stress Model: Gelb)
  • Gefühle wie Aufregung, Frust, Sorge (Zones: Yellow Zone)

Kurz: Gelb heißt: „Achtung, es wird mir zu viel.“


🔴 ROT – Wenn mein Körper kämpft oder überreagiert

Rot ist starke Erregung. Das Nervensystem schaltet auf Schutz und Energie.
Ich werde laut, impulsiv oder extrem kontrollierend.

  • intensive Aktivierung (Polyvagal: starker Sympathikus)
  • deutliches Hyperarousal (Window of Tolerance)
  • Kampfmodus (Trauma 4-State: Fight)
  • Hochstress-Zustand (4-Color Stress Model: Rot)
  • Gefühle wie Wut, Hilflosigkeit, Kontrollverlust (Zones: Red Zone)

Kurz: Rot heißt: „Ich fühle mich bedroht und reagiere.“
(auch wenn objektiv keine Gefahr da ist)


🟣 LILA – Wenn ich überfokussiere oder funktioniere

Lila ist die überdrehte Version von Rot.
Ich funktioniere, arbeite, renne innerlich – ohne Pause.

  • extreme Sympathikus-Aktivierung (Polyvagal: Übersteuerung)
  • Hyperarousal jenseits der Belastungsgrenze (Window of Tolerance)
  • zwischen Fight und Flight, aber „leistungsorientiert“ (Trauma-Logik)
  • eine Erweiterung des roten Stresses (4-Color Stress Model – Erweiterung)

Kurz: Lila heißt: „Ich stehe unter Hochdruck und kann nicht aufhören.“


🔵 BLAU – Wenn ich innerlich langsamer werde

Blau ist Rückzug. Ich bin müde, leer, traurig oder wie „eingefroren“.

  • dorsal-vagale Untererregung (Polyvagal)
  • frühes Hypoarousal (Window of Tolerance)
  • Freeze (Trauma 4-State)
  • Rückzug / Niedrigenergie (4-Color Stress Model: Blau)
  • Gefühle wie Traurigkeit, Müdigkeit (Zones: Blue Zone)

Kurz: Blau heißt: „Ich brauche Ruhe und Sicherheit.“


🤎 BRAUN – Wenn mein Körper schützt, indem er abschaltet

Braun ist ein tiefer, kompletter Shutdown. Der Körper macht „Not-Aus“.
Oft wirkt man still, kraftlos, wie weggeklappt.

  • starker dorsal-vagaler Kollaps (Polyvagal)
  • starkes Hypoarousal (Window of Tolerance)
  • tiefster Freeze / Kollaps (Trauma 4-State)
  • Erweiterung der blauen Untererregung (4-Color Stress Model – Erweiterung)

Kurz: Braun heißt: „Ich bin überfordert und mein Körper schützt mich durch Abschalten.“


🌸 ROSA – Wenn ich mich zu sehr anpasse, um sicher zu sein

Rosa ist die Reaktion „Ich mache es allen recht“, um Konflikte zu vermeiden.
Es ist freundlich – aber nicht frei.

  • Fawn-Reaktion (Trauma 4-State: Fawn)
  • Mischung aus ventral (Kontakt) & dorsal (Selbstaufgabe) (Polyvagal)
  • schwankende Regulation (Window of Tolerance)
  • pädagogisch wertvoll als zusätzliche Kategorie (Erweiterung der gängigen Modelle)

Kurz: Rosa heißt: „Ich verliere mich, um anderen zu gefallen.“


Warum ich es jetzt teile

Weil ich glaube, dass wir eine gemeinsame Sprache brauchen.
Eine Sprache, die nicht bewertet, sondern versteht.
Die nicht beschämt, sondern ordnet.
Die nicht verurteilt, sondern verbindet.

Die 7 Farben des Nervensystems haben mir geholfen,

  • mich selbst zu sehen,
  • mich zu verstehen,
  • mich zu begleiten.

Und nun dürfen sie vielleicht auch anderen helfen –
in der Pädagogik, in Beziehungen, im Coaching, in der Führung,
und überall dort, wo Menschen Menschen sind.

Wenn mein Modell etwas in dir bewegt, freut mich das.
Wenn es dir Orientierung gibt, berührt mich das.
Und wenn es dir hilft, deine eigenen Gefühle in Farben zu sehen,
dann ist genau das der Anfang, den ich mir gewünscht habe.

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