„War doch nur ein Spaß, hab dich nicht so!“ – Wenn aus Angst Mut wird

Warum es heilsam ist, Grenzen zu setzen – und was dabei in unserem Gehirn passiert.

Sexistische Grenzüberschreitungen werden oft als bloße „unangenehme Situationen“ abgetan. Doch für viele Frauen sind sie weit mehr als das. Es sind Momente, in denen das Sicherheitsgefühl erschüttert wird – oft leise, kaum sichtbar, aber körperlich absolut real.

Ein blöder Kommentar, ein aufdringlicher Blick, eine subtile Bemerkung: Das reicht oft schon aus, um das Nervensystem in Alarmbereitschaft zu versetzen. Nicht unbedingt, weil die Situation unmittelbar lebensbedrohlich ist, sondern weil unser Gehirn gelernt hat, hellhörig zu reagieren, wenn unsere Integrität verletzt wird.

Hier beginnt ein innerer Konflikt: Schütze ich mich durch Rückzug – oder stelle ich mich der Situation?

Was im Körper passiert, wenn Angst entsteht

Unser Nervensystem priorisiert Sicherheit. Sobald das limbische System eine Bedrohung wittert, schaltet es auf Schutzmodus:

  • Die Muskeln spannen sich an,
  • der Fokus verengt sich (Tunnelblick),
  • Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin fluten den Körper.

Das ist biologisch sinnvoll. Problematisch wird es, wenn Grenzüberschreitungen wiederholt erlebt werden. Das Gehirn beginnt dann, ähnliche Situationen vorsorglich als riskant einzustufen. Angst wird so zu einem gelernten Schutzverhalten.

Die Falle: Vermeidung entlastet kurzfristig, verstärkt aber langfristig die innere Überzeugung: „Diese Situation ist gefährlich, ich bin ihr nicht gewachsen.“ Ein Teufelskreis aus Angst und Rückzug entsteht.

Warum „Sich-Stellen“ das Nervensystem beruhigt

Sich einer Situation bewusst und selbstbestimmt zu stellen – etwa durch das klare Benennen einer Grenze – kann diesen Kreislauf durchbrechen. Wenn wir erleben, dass wir handlungsfähig sind, registriert unser Gehirn Kontrolle statt Ohnmacht.

Neurowissenschaftlich gesehen bedeutet das:

  1. Der Präfrontale Cortex (unser logisches Zentrum) übernimmt wieder die Führung.
  2. Die Stressreaktion flaut ab.
  3. Das Sicherheitsgefühl stabilisiert sich nachhaltig.

In der Psychologie nennen wir das Selbstwirksamkeit. Es ist kein heroischer Akt, sondern zeigt sich oft in ruhiger Klarheit: ein festes „Nein“, eine klar benannte Grenze oder ein Gespräch, das die Souveränität zurückholt.

Die Botschaft an das Nervensystem lautet: „Ich kann handeln – ich bin nicht ausgeliefert.“

Grenzen setzen ist kein Angriff, sondern Selbstregulation

In unserer Gesellschaft wird das Setzen von Grenzen oft missverstanden – als Aggression, als „Zickigkeit“ oder Überreaktion. Tatsächlich ist es ein zentraler Mechanismus der psychischen Selbstregulation.

Grenzen kommunizieren Klarheit, Selbstachtung und soziale Orientierung. Sie sind kein Angriff auf das Gegenüber, sondern eine Einladung zu einer respektvollen Interaktion auf Augenhöhe. Gerade bei sexistischem Verhalten verhindert das Benennen der Grenze, dass sich die Unsicherheit im Körper festsetzt.

Der feine Unterschied: Vermeidung vs. Selbstschutz

Natürlich gilt: Nicht jede Situation muss konfrontiert werden. Physische Sicherheit steht immer an erster Stelle. Wenn Sie das Gefühl haben, eine Situation könnte eskalieren, ist Rückzug die klügste Form des Selbstschutzes.

Doch wenn wir uns aus Gewohnheit immer klein machen, festigt das die Angst. Echter Selbstschutz bedeutet auch:

  • bewusstes Ansprechen („Ich möchte nicht, dass du so mit mir redest“)
  • klare Kommunikation der eigenen Bedürfnisse
  • sich im Zweifelsfall Unterstützung dazuholen.

Fazit: Angst will schützen, Mut will bewegen

Der Umgang mit Sexismus ist nicht nur eine gesellschaftliche Debatte, sondern eine Frage unserer neuropsychologischen Gesundheit.

  • Angst weist uns auf ein Schutzbedürfnis hin.
  • Mut ist die Fähigkeit, trotz Angst die Kontrolle zurückzugewinnen.
  • Selbstwirksamkeit ist der Schlüssel, um sich wieder sicher zu fühlen.

Sich zu stellen bedeutet nicht, „stark sein zu müssen“. Es bedeutet, dem eigenen Körper zu zeigen: Ich darf mich schützen. Sicherheit entsteht nicht durch Schweigen, sondern durch die Klarheit der eigenen Grenze.

Aquarellillustration einer Frau die ängstlich schaut. Darüber der Spruch: Mut beginnt dort, wo ich ausspreche, was sich nicht richtig anfühlt.

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