Das Farbmodell des Nervensystems – und wie es mir hilft, Schulungen, Teamarbeit und Führung menschlicher zu gestalten

Heute habe ich ein Modell kennengelernt, das mir auf eine ruhige, aber tief berührende Weise gezeigt hat, wie sehr unser Nervensystem unser Verhalten beeinflusst – gerade dann, wenn wir überzeugt sind, „rein sachlich“ zu reagieren.
Das Farbmodell macht sichtbar, was sonst im Verborgenen bleibt:
In welchem inneren Zustand wir uns befinden und warum wir manchmal anders handeln, als wir es eigentlich möchten.

Genau darin liegt sein Wert – für mich und für alle, die mit Menschen arbeiten.


Woher das Modell kommt – leicht erklärt

Die Grundlage ist die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges.
Sie beschreibt drei grundlegende innere Zustände, die wir alle kennen – auch wenn wir ihnen oft keinen Namen geben:

  • Sicherheit und Verbindung
  • Aktivierung und Verteidigung
  • Überforderung und Rückzug

Damit wir diese Zustände schneller erkennen können, wurden sie in Farben übersetzt:

  • Grün: sicher, offen, klar
  • Gelb: angespannt, unruhig, überlastet
  • Rot: kämpferisch, im Widerstand
  • Blau: erschöpft, im Rückzug

Und eigentlich geht es dabei weniger um die Farben selbst – sondern darum, uns selbst und andere besser zu verstehen.


Was ich heute für mich verstanden habe

Ich habe gemerkt, wie schnell wir Verhalten bewerten – obwohl die eigentliche Erklärung oft viel tiefer liegt.
Nicht im Charakter.
Nicht im Willen.
Sondern im Nervensystem.

Ein abweisender Ton kann ein Hinweis auf Rot sein.
Fehlende Rückfragen können bedeuten, dass jemand im Gelb steckt.
Stille oder Rückzug zeigen oft ein inneres Blau.
Und Offenheit, Klarheit, Lösungsorientierung sind Zeichen für Grün.

Wenn ich mir das bewusst mache, fällt viel Druck ab.
Ich muss niemanden verändern oder „zurechtrücken“.
Ich darf einfach wahrnehmen, in welchem Zustand mein Gegenüber ist – und was es im Moment braucht, um sich sicherer zu fühlen.

Diese Sichtweise bringt eine Ruhe mit sich, die beiden Seiten guttut.


Warum dieses Modell so wertvoll ist

Es unterstützt uns dabei,

  • klarer zu kommunizieren
  • verlässlicher zu führen
  • Konflikte früher zu erkennen
  • empathischer zu reagieren
  • und uns selbst besser zu regulieren

Alles wird leichter, wenn wir verstehen, wo jemand innerlich steht – und warum.


Wie ich das Modell in meinen Schulungen nutzen möchte

Schulungen funktionieren nur, wenn Menschen innerlich erreichbar sind.
Es reicht nicht, wenn sie freundlich nicken oder mitschreiben.
Lernen passiert erst, wenn sie im Grün sind.

Deshalb möchte ich:

  • Lernräume schaffen, die Sicherheit geben
  • klarer erklären, bewusster sprechen, Pausen wirklich nutzen
  • Gelb früh erkennen und das Tempo herausnehmen
  • Rot nicht persönlich nehmen
  • Blau stabilisieren, statt weiter zu pushen

Der größte Gewinn:
Meine Teilnehmenden fühlen sich gesehen und ernst genommen – und dadurch lernen sie leichter und nachhaltiger.


Wie mir das Modell im Teamalltag hilft

Ich erkenne jetzt schneller, dass vieles, was wie „schwieriges Verhalten“ wirkt, eigentlich nur ein innerer Zustand ist.

  • Eine gereizte Antwort ist nicht automatisch Unhöflichkeit.
  • Rückzug ist nicht gleich Desinteresse.
  • Schweigen ist keine Zustimmung.

Das nimmt Spannung aus Situationen.
Ich kann besser unterstützen, klarer kommunizieren und erkennen, wann ein Gespräch sinnvoll ist – und wann es mehr Stress erzeugt.


Wie du dieses Wissen in deiner Führung und Projektarbeit nutzen kannst

Führung bedeutet, einen Rahmen zu schaffen, in dem Menschen arbeiten können, ohne ständig in Gelb oder Rot zu landen.
Das Farbmodell ist dabei wie ein innerer Kompass:

  • Bin ich selbst reguliert?
  • Ist mein Gegenüber überhaupt erreichbar?
  • Braucht es gerade Struktur, Ruhe oder Klarheit?
  • Ist ein anderes Tempo hilfreicher?

Gerade in Projekten, in denen viel Druck und viele Rollen zusammentreffen, wird dieses Modell zu einem echten Anker.
Es schafft Orientierung, stärkt Zusammenarbeit und verhindert Missverständnisse, bevor sie zu Konflikten werden.


Was du für dich selbst mitnehmen kannst

Vielleicht das Wichtigste:
Nicht du bist „zu sensibel“ oder „zu angespannt“.
Dein Nervensystem reagiert – wie jedes andere auch.

Wenn du auf die Farben achtest, kannst du:

  • besser einordnen, was du gerade brauchst
  • gelassener mit anderen umgehen
  • klarer entscheiden, wie du kommunizieren willst
  • stressige Momente schneller verstehen
  • dich in Führung und Teamarbeit sicherer fühlen

Kurz:
Dieses Modell macht dich ruhiger, klarer und menschlicher.


Warum es oft vier Farben sind

Die Polyvagal-Theorie beschreibt drei biologische Zustände.
In der Praxis – besonders in Schulung, Coaching und Teamarbeit – hat sich jedoch gezeigt, dass diese drei Kategorien oft schwer zu unterscheiden sind.
Deshalb wurde das Modell erweitert.

Der Grund liegt im sympathischen Zustand:
Er kann zwei sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen:

  • Fluchtmodus: nervös, schnell, überdreht
  • Kampfmodus: angespannt, laut, unter Druck

Beides gehört zwar zusammen, zeigt sich aber völlig unterschiedlich.
Darum wurden zwei Farben daraus:

🟨 Gelb und 🟥 Rot.

Die komplette Übersicht:

  • 🟩 Grün – sicher, verbunden (ventral-vagal)
  • 🟨 Gelb – Flucht / Stress / Überforderung light (sympathisch)
  • 🟥 Rot – Kampf / starke Anspannung (sympathisch intensiv)
  • 🟦 Blau – Freeze / Shutdown / Erschöpfung (dorsal-vagal)

Diese vier Farben sind:

  • alltagsnäher
  • pädagogisch leichter
  • kommunikativer verständlicher
  • und in Gruppen viel schneller zu erkennen

Kurz gesagt

Die Wissenschaft arbeitet mit drei Zuständen.
Die Praxis nutzt vier Farben, weil sie differenzierter zeigen, was in uns passiert.

Und genau deshalb ist dieses Farbmodell so wertvoll:
Es hilft uns, Menschen – und uns selbst – mit mehr Verständnis, Ruhe und Klarheit zu begegnen.

Eine Illustration zeigt vier farbige Bereiche, die unterschiedliche Stress- und Zustandszonen symbolisieren.
Links stehen vertikale Farbfelder: oben Grün, darunter Gelb, dann Rot und unten Blau.
Rechts daneben stehen die zugehörigen Beschreibungen:  Grün: „sicher, verbunden“  Gelb: „Flucht / Stress / Überforderung“  Rot: „Kampf / starke Anspannung“  Blau: „Freeze / Shutdown / Erschöpfung“  Unten links steht eine gezeichnete Person mit blondem Haar und Brille, die nachdenklich wirkt. Über ihrem Kopf leuchtet eine Glühbirne als Symbol für eine Idee.

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