Kluge Köpfe büffeln nicht! | Lernen mit Köpfchen

Handgezeichnete Karikatur von Sina mit wilden, petrolfarbenen Locken, beerenrotem Pullover und blauer Jeans. Fröhlich lächelnd steigt sie aus einem riesigen, aufgeschlagenen Buch. Darüber steht der Schriftzug „KLUGE KÖPFE BÜFFELN NICHT!“.

Markieren ist eine der beliebtesten Lernmethoden, und was bringt sie deinem Gehirn wirklich?

Dieses Zeichen zeigt dir: Hier kannst du tippen.

Ich weiß, das tut weh, mir auch. Sonntagabend, 22:40 Uhr, eine Frau sitzt am Küchentisch vor ihrem Prüfungsordner. Der Tee ist kalt, der Textmarker fast leer, und die Seiten leuchten so gelb, dass man sie im Dunkeln lesen könnte. Am nächsten Morgen ist wenig hängen geblieben. Diese Szene habe ich in vielen Jahren in der Erwachsenenbildung unzählige Male gesehen. Dein Gehirn hat dafür einen guten Grund, und er führt zu einer Methode, die mehr Wirkung in weniger Zeit verspricht.


1Warum fühlt sich Markieren so gut an?

Gelb leuchtende Seiten sehen nach Arbeit aus. Jede Zeile, die sie markiert, bestätigt ihr: Ich war fleißig. Und weil sie den Text beim dritten Durchgang flüssig lesen kann, fühlt sich alles vertraut an.

Genau hier liegt der Kniff. Robert und Elizabeth Bjork beschreiben, dass sich Leistung sofort messen lässt, Lernen aber erst mit Abstand sichtbar wird. Vertrautheit beim Lesen zeigt dir, dass du den Text wiedererkennst. Ob du ihn am Prüfungstag aus dem Gedächtnis holen kannst, zeigt dir erst der Abruf.

Die Forschung dazu ist deutlich. John Dunlosky und sein Team verglichen 2013 zehn verbreitete Lernstrategien. Markieren und wiederholtes Lesen erhielten die Bewertung geringer Nutzen. Die Bestnote bekamen Abrufübungen und verteiltes Lernen.

Dein Gehirn lernt, wenn es sich anstrengt, etwas abzurufen. Wer aus dem Gedächtnis aufschreibt, baut Wissen auf.


2Was bringt deinem Gehirn mehr als Markieren?

Karpicke und Roediger zeigten 2008 in der Zeitschrift Science, wie stark das Abrufen wirkt. Studierende, die den Stoff wiederholt aus dem Gedächtnis abriefen, behielten ihn über längere Zeit deutlich besser als Studierende, die ihn immer wieder lasen.

Stell dir vor, die Frau vom Küchentisch probiert es am Montag aus. Sie klappt den Ordner zu und schreibt fünf Minuten lang auf, was sie vom Sonntagabend behalten hat. Es sind drei Sätze. Dann schlägt sie nach, ergänzt die Lücken in Blau und sieht genau, was noch fehlt.

Die Lernschleife

Tippe auf einen SchrittHier steht dann die Erklärung.


3Wie sieht dein Lernplan für diese Woche aus?

Dafür genügen Stift, Papier und ein paar Tage Abstand. Die vier Schritte der Lernschleife legst du über eine Woche. Die Abstände sind ein Vorschlag, den du an deine Prüfungstermine anpasst. Wichtig ist der Rhythmus: erst abrufen, dann prüfen, dann eine Pause einlegen.

Tag 1: Lesen und aufschreiben

Lies einen Abschnitt einmal aufmerksam, lege den Marker zur Seite und schreibe fünf Minuten lang auf, was du behalten hast.

Tag 2: Erster Abruf

Beantworte am nächsten Tag drei selbst gestellte Fragen zum Abschnitt, bevor du irgendetwas nachschlägst.

Tag 4: Zweiter Abruf

Wiederhole die Fragen und ergänze die Antworten in einer anderen Farbe, wo noch Lücken sind.

Tag 8: Dritter Abruf

Prüfe dich ein letztes Mal und feiere, wie viel inzwischen sitzt.


4Was unterstützt dein Gehirn zusätzlich beim Lernen?

Dein Gehirn räumt nachts auf. Diekelmann und Born geben 2010 einen Überblick darüber, wie Schlaf neu Gelerntes festigt. Für dich heißt das: Lege den Abruf am Abend und die Wiederholung am nächsten Morgen in deinen Plan.

Auch Neugier hilft. Matthias Gruber und sein Team fanden 2014, dass Informationen besser haften, wenn sie eine Frage beantworten, die dich interessiert. Schreibe vor dem Lesen zwei Fragen auf, die der Text beantworten soll, und dein Gehirn liest mit einem Ziel.

Dazu kommt ein kleines Wort mit großer Wirkung. Carol Dweck beschreibt, wie die Überzeugung, sich weiterzuentwickeln, Ausdauer stärkt. Das Wort noch verwandelt jeden Satz über deinen Stand in einen Satz über deinen Weg, und aus einer Hürde wird eine Chance.


5Wo findest du die ganze Geschichte?

Deshalb habe ich ein Buch geschrieben: „Kluge Köpfe büffeln nicht: Wie Lernen wirklich funktioniert“.

Begleitet wirst du von Sina. Sie stolpert, probiert aus, scheitert und schafft es am Ende doch. Ich glaube, du wirst dich in ihr öfter wiedererkennen, als dir lieb ist. Das Buch ist für alle, die sich weiterbilden, auf eine Prüfung vorbereiten oder klüger lernen wollen, und für alle, die andere beim Lernen begleiten.

Mein Buch ist jetzt bei Amazon, im Buchhandel und als E-Book erhältlich. Mehr dazu findest du auf meiner Seite.

Zum Buch

Prüfe dich selbst, bevor du weiterliest

  • Frage 1: Schließe diese Seite und schreibe auf, warum sich Markieren so vertraut anfühlt und was es dir verrät.
  • Frage 2: Nenne die zwei Strategien, die Dunlosky und sein Team am höchsten bewertet haben.
  • Frage 3: Beschreibe die vier Schritte deines Lernplans in deinen eigenen Worten. Die Antworten findest du in den Abschnitten 1 bis 3.

Was nimmst du mit?

Markieren fühlt sich nach Arbeit an, und Abrufen bringt Wissen. Wenn du aus dem Gedächtnis aufschreibst, mit dem Text vergleichst und deine Wiederholungen über Tage verteilst, nutzt du die Strategien mit dem höchsten Nutzen. Dein Gehirn dankt dir mit einem Wissen, das am Prüfungstag bereitsteht.

Nimm diesen einen Satz mit: Ich hole es aus dem Kopf, bevor ich es noch einmal lese.

Mit welcher Methode hast du früher gelernt, und hat sie stressfrei funktioniert?


Wissenschaftlicher Hintergrund
  • Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J. und Willingham, D. T. (2013): Improving students‘ learning with effective learning techniques: Promising directions from cognitive and educational psychology. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4 bis 58. Vergleicht zehn Lernstrategien. Markieren und wiederholtes Lesen erhalten die Bewertung geringer Nutzen, Abrufübungen und verteiltes Lernen die Bewertung hoher Nutzen.
  • Karpicke, J. D. und Roediger, H. L. (2008): The critical importance of retrieval for learning. Science, 319(5865), 966 bis 968. Zeigt, dass wiederholtes Abrufen das langfristige Behalten stärker fördert als wiederholtes Lesen.
  • Bjork, R. A. und Bjork, E. L. (2020): Desirable difficulties in theory and practice. Journal of Applied Research in Memory and Cognition, 9(4), 475 bis 479. Unterscheidet Leistung, die sich sofort messen lässt, vom Lernen, das sich erst mit Abstand zeigt.
  • Gruber, M. J., Gelman, B. D. und Ranganath, C. (2014): States of curiosity modulate hippocampus-dependent learning via the dopaminergic circuit. Neuron, 84(2), 486 bis 496. Zeigt, dass Neugier das Behalten von Informationen verbessert.
  • Diekelmann, S. und Born, J. (2010): The memory function of sleep. Nature Reviews Neuroscience, 11(2), 114 bis 126. Überblick darüber, wie Schlaf neu Gelerntes im Gedächtnis festigt.
  • Dweck, C. S. (2006): Mindset: The New Psychology of Success. New York: Random House. Beschreibt, wie die Überzeugung, sich weiterzuentwickeln, Lernen und Ausdauer stärkt.

Veröffentlichung: 30. Oktober 2026, Yvonne Schütt