Was, wenn ausgerechnet der Bremser in deinem Team das Projekt retten kann?
Jens ist seit 22 Jahren Disponent. Er kennt jede Route, jeden Fahrer und jede Ausnahme. Dann kommt die Ankündigung: neue Software, neue Abläufe, Start in drei Monaten. Jens verschränkt die Arme, und nach ein paar Wochen hat er einen Ruf weg. Er gilt als der Bremser. Doch was, wenn sein Widerstand kein Problem ist, sondern ein Signal, das du nutzen kannst?
1Warum wird aus einem erfahrenen Mitarbeiter plötzlich der Bremser?
Es ist ein Montagmorgen im Besprechungsraum. Vorne läuft die erste von vierzig Folien, daneben hängt ein Zeitplan, und oben rechts prangt ein Logo für das Projekt. Jens sitzt in der zweiten Reihe. Seit 22 Jahren kennt er jede Route, jeden Fahrer und jede Ausnahme, die in keinem Handbuch steht. Er verschränkt die Arme.
Als die Projektleitung fragt, ob es Fragen gibt, sagt er einen Satz, den er in den folgenden Wochen noch oft sagen wird: „Das hat noch nie funktioniert.“ Die Köpfe drehen sich weg. Ein paar Wochen später hat er einen Ruf weg, und im Team nennt man ihn nur noch den Bremser.
Doch genau hier lohnt sich ein zweiter Blick. Jens hat keine Angst vor Veränderung. Er hat Angst davor, in der Veränderung die Kontrolle zu verlieren.
Unser Gehirn bewertet Unsicherheit zunächst als mögliche Bedrohung. Die Forschung von Dan Grupe und Jack Nitschke aus dem Jahr 2013 beschreibt, wie unklare Situationen die Erwartung von Gefahr verstärken. Wenn Gewohntes nicht mehr funktioniert, fehlen Vorhersagbarkeit und Orientierung. Die Aufmerksamkeit verengt sich, wir greifen auf bekannte Muster zurück und meiden Risiken. Ausgerechnet dann, wenn wir Neues denken müssten, halten wir besonders fest am Alten.
Widerstand ist NICHT Sturheit. Er ist oft der Versuch, die eigene Kontrolle zu schützen.
2Was steht für Menschen wie Jens wirklich auf dem Spiel?
Der Neurowissenschaftsautor David Rock hat 2008 ein Modell entwickelt, das erklärt, warum Veränderung so schnell an die Nieren geht. Es heißt SCARF und beschreibt fünf soziale Faktoren, die beeinflussen, ob wir etwas als Bedrohung oder als Chance erleben: Status, Gewissheit, Autonomie, Zugehörigkeit und Fairness. Wirf einen Blick darauf, was davon bei Jens auf dem Spiel stand.
Tippe auf die Buchstaben, um zu sehen, was für Jens auf dem Spiel stand.
Für Jens standen alle fünf gleichzeitig auf dem Spiel. Kein Wunder, dass er sich wehrte.
3Was passiert, wenn jemand dem Bremser endlich zuhört?
Die Wende kam mit einer neuen Projektleiterin. Sie hielt keinen Vortrag und zeigte keine Folie. Sie setzte sich zu Jens und sagte: „Sie kennen die Ausnahmen besser als jedes System. Ohne Sie wird das nichts. Testen Sie es mit uns?“
In diesen drei Sätzen steckt das gesamte SCARF-Modell. Sie sprach seinen Status an, bot ihm Gewissheit durch einen überschaubaren Test, ließ ihm Autonomie, holte ihn ins Team und würdigte sein Wissen fair. Jens wurde Pilotnutzer. Er fand Fehler, die sonst erst nach dem Start aufgefallen wären. Er durfte Dinge ausprobieren, scheitern und neu ansetzen, und niemand erwartete, dass es sofort perfekt läuft. Amy Edmondson zeigte 1999, dass Teams, in denen Menschen sich sicher fühlen, Fehler zu melden, besser lernen. Genau diese Sicherheit hatte die Projektleiterin geschaffen.
Stell dir zum Vergleich drei Reaktionen vor, die nicht funktioniert hätten. Hätte sie auf Folie 14 verwiesen und erklärt, warum es diesmal anders ist, hätte Jens darin den Beweis gesehen, dass niemand zuhört, denn mehr Argumente erhöhen nicht die Gewissheit, sondern den Druck. Hätte sie vor der Runde gesagt: „Bitte bleiben Sie konstruktiv“, hätte er vor allen Kolleg/innen Status und Zugehörigkeit verloren, und aus verdecktem Widerstand wäre offener geworden. Hätte sie sich auf einen Statuskampf eingelassen und ihre Qualifikation verteidigt, hätte sie ein Duell gewonnen und den Menschen verloren.
Stattdessen fragte sie, was damals schiefgelaufen war, und hörte zu. Eine Frage statt eines Gegenarguments hat in solchen Momenten eine enorme Wirkung. Sie macht aus dem Bremser einen Experten für Risiken.
Ein halbes Jahr später erklärt Jens den neuen Kollegen das System. Mit verschränkten Armen sieht man ihn nicht mehr.
4Wie entsteht Anpassungsfähigkeit im Gehirn wirklich?
Unser Gehirn lernt durch Erfahrung, Feedback und Wiederholung. Anpassungsfähigkeit entsteht deshalb selten durch einen perfekten Masterplan, sondern durch einen Kreislauf, den du in jedem Projekt in Gang setzen kannst. Und durch die Erlaubnis, nicht sofort alles können zu müssen.
Wahrnehmen
Ausprobieren
Lernen
Anpassen
Jede Runde macht das Neue ein Stück vertrauter und das Gehirn ein Stück ruhiger.
Dass Beteiligung wirkt, ist übrigens keine neue Erkenntnis. Lester Coch und John French beschrieben schon 1948, dass Arbeitsgruppen, die an der Gestaltung einer Veränderung mitwirkten, mit weniger Widerstand umstellten. Sieben Jahrzehnte später gilt das immer noch.
5Wie sieht dein Plan für die ersten vier Wochen aus?
Vier Wochen genügen, um aus einem Bremser einen Mitgestalter zu machen. Der Plan ist bewusst klein, damit du ihn auch in einem vollen Projektkalender umsetzen kannst.
Und für den Moment, in dem du dem Bremser in deinem Team gegenübersitzt, gibt es Sätze, die du sofort einsetzen kannst.
- Status: „Sie kennen die Ausnahmen besser als jedes System. Ohne Sie wird das nichts.“
- Gewissheit: „Wir testen zuerst im Kleinen, und Sie sehen jeden Schritt, bevor wir weitergehen.“
- Autonomie: „Welchen der beiden Wege sollen wir zuerst ausprobieren?“
- Zugehörigkeit: „Testen Sie es mit uns?“
- Fairness: „Ihr Aufwand wird im Zeitplan berücksichtigt, und Sie bekommen dafür Zeit.“
- Für den Einstieg: „Was ist beim letzten Mal schiefgegangen, und was brauchen Sie dieses Mal?“
Change scheitert selten an fehlenden Folien. Er gelingt dort, wo Menschen wieder das Gefühl bekommen, mitgestalten zu können. Der Bremser in deinem Team ist oft der Mensch, der am meisten über die Risiken weiß und am meisten zu verlieren glaubt. Wenn du Status, Gewissheit, Autonomie, Zugehörigkeit und Fairness im Blick behältst, wird aus Widerstand ein Beitrag. Die Zukunft gehört nicht denen, die Veränderung vermeiden. Sie gehört denen, die mit ihr lernen.
Nimm diesen einen Satz mit: Wer Widerstand ernst nimmt, gewinnt einen Verbündeten.
Wer war in deinem Umfeld der vermeintliche Bremser und hatte am Ende vielleicht recht?
„The curious paradox is that when I accept myself just as I am, then I can change.“ (Das merkwürdige Paradox besteht darin, dass ich mich verändern kann, sobald ich mich so annehme, wie ich bin.)
Carl R. Rogers: On Becoming a Person, Boston: Houghton Mifflin 1961
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Rock, D. (2008): SCARF: A brain-based model for collaborating with and influencing others. NeuroLeadership Journal, 1, 1 bis 9. Stellt das Modell mit den fünf sozialen Faktoren Status, Gewissheit, Autonomie, Zugehörigkeit und Fairness vor.
- Grupe, D. W. und Nitschke, J. B. (2013): Uncertainty and anticipation in anxiety: An integrated neurobiological and psychological perspective. Nature Reviews Neuroscience, 14, 488 bis 501. Beschreibt, wie Unsicherheit die Erwartung von Bedrohung und Angst verstärkt.
- Coch, L. und French, J. R. P. (1948): Overcoming resistance to change. Human Relations, 1(4), 512 bis 532. Klassische Untersuchung, die zeigt, dass Beteiligung an Veränderungen den Widerstand verringert.
- Edmondson, A. (1999): Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350 bis 383. Zeigt, dass psychologische Sicherheit im Team das Lernverhalten und das Melden von Fehlern fördert.
- Rogers, C. R. (1961): On Becoming a Person: A Therapist’s View of Psychotherapy. Boston: Houghton Mifflin. Quelle des Zitats im Artikel.
Veröffentlichung: 24. Oktober 2026, Yvonne Schütt

