Neurodiversität ADHS und Autismus: Tipps für Alltag und Beruf

Frau mit Lockenmähne und verschränkten Armen neben dem Schriftzug „Nicht falsch, nur anders verdrahtet“.

Warum will dein Gehirn gleichzeitig Ordnung und Abenteuer, und was passiert, wenn du endlich beides bekommst?


Am Sonntagabend baust du den perfekten Wochenplan, der farbig und durchdacht ist und endlich realistisch wirkt. Am Donnerstag liegt er unter einem Stapel anderer Dinge, und du fragst dich, was mit dir nicht stimmt. Die Antwort wird dich überraschen: Mit dir stimmt alles. Wenn du ADHS und Autismus zugleich hast, bist du kein Mensch, der an Plänen scheitert. Du bist ein Mensch, dessen Gehirn zwei Dinge gleichzeitig verlangt, und niemand hat dir je gezeigt, wie du beides bekommst.


1Warum scheitern gerade deine besten Pläne?

Stell dir vor, du betrittst am Montagmorgen dein Büro. Der Plan steht, die Liste ist geschrieben, die Motivation brennt. Zwei Stunden später steckst du tief in einem Thema, das gar nicht auf der Liste stand und das dich völlig fesselt. Oder du starrst auf die erste Aufgabe und kommst nicht hinein, obwohl du genau weißt, wie sie geht. Beides fühlt sich wie Versagen an. Beides hat eine Erklärung.

Lange hieß es, ein Mensch könne nicht beides haben. Erst seit 2013 erlaubt das Klassifikationssystem DSM-5 die Diagnosen ADHS und Autismus nebeneinander. Heute beschreibt die Forschung, etwa die Übersichtsarbeiten von Hours, Recasens und Baleyte aus dem Jahr 2022 und von Antshel und Russo aus dem Jahr 2019, dass sich beide Profile überschneiden können und das gemeinsame Auftreten nicht selten ist. Das erklärt, warum so viele Menschen jahrelang suchen. Jede Beschreibung passte nur zur Hälfte.

Bei ADHS sind häufig die exekutiven Funktionen betroffen: Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle, Priorisierung und Zeitgefühl. Bei Autismus erfordern Reize, soziale Situationen und Veränderungen oft besonders viel Verarbeitung. Und wenn beides zusammenkommt, bestimmt nicht ein Muster dein Erleben, sondern zwei, die manchmal in entgegengesetzte Richtungen ziehen.

Du bist NICHT widersprüchlich. Dein Nervensystem will zwei Dinge gleichzeitig, und beides ist berechtigt.


2Welches Tauziehen läuft seit Jahren in dir?

Von außen sehen diese Gegensätze nach Launenhaftigkeit aus. Von innen sind sie völlig logisch. Finde die Seite, die du am meisten spürst.

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Struktur
Du brauchst klare Abläufe und verlässliche Regeln, weil sie deinem Nervensystem Halt geben. Ohne Rahmen verlierst du schnell den Faden.
Abwechslung
Du brauchst Neues, weil Routine dich schnell langweilt und dein Gehirn Anregung sucht. Ohne Abwechslung sinkt dein Antrieb.
Reize suchen
Dein Gehirn sucht Tempo, Anregung und Interessantes. Stille und Leerlauf fühlen sich zäh an.
Reize meiden
Geräusche, Licht und viele Gespräche überfordern dich schnell. Dein System braucht Ruhe, um sich zu sortieren.
Spontaneität
Ein plötzlicher Einfall oder eine Planänderung kann dich beflügeln und Energie freisetzen.
Veränderungsstress
Unangekündigte Änderungen können dennoch Stress auslösen, vor allem wenn du dich auf etwas anderes eingestellt hattest.

Routine hilft dir und langweilt dich im selben Atemzug. Spontaneität reizt dich, während unerwartete Veränderungen dich aus der Bahn werfen können. Das ist keine Unentschlossenheit. Es ist ein Nervensystem, das Sicherheit und Anregung zugleich sucht, und genau das kannst du ab jetzt gezielt bedienen.


3Warum bist du erschöpft, obwohl andere meinen, du hättest doch nichts getan?

Der Psychologe Russell Barkley beschrieb schon 1997, dass es bei ADHS im Kern um Selbststeuerung geht. Eine Metaanalyse von Erik Willcutt und seinem Team bestätigte 2005, dass Menschen mit ADHS bei Aufgaben zu den exekutiven Funktionen im Durchschnitt schwächer abschneiden. Caroline Robertson und Simon Baron-Cohen zeigen in ihrer Übersichtsarbeit von 2017, dass sensorische Besonderheiten zum Erleben von Autismus gehören.

Setze beides zusammen, und es liegt nahe, was viele Betroffene erleben: Du steuerst dich selbst bewusster, und du verarbeitest Reize intensiver. Während andere nebenbei funktionieren, arbeitet dein Gehirn auf mehreren Ebenen zugleich. Dein Akku ist deshalb schneller leer, ohne dass jemand sieht, warum. Das ist keine Schwäche. Es ist ein höherer Energieverbrauch bei gleicher Aufgabe, und er verdient einen eigenen Platz in deiner Tagesplanung.


4Wie baust du einen Tag, den beide Seiten in dir lieben?

Hier liegt die Wende. Du musst dich nicht für eine Seite entscheiden. Der Trick besteht darin, Struktur und Freiheit ineinander zu bauen, damit dein Nervensystem bekommt, was es sucht: Halt und Anregung.

Die Lösung: fest geplante Abwechslung

Fester Rahmen für Zeiten und Abläufe

→

Freie Inseln für Neues einplanen

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Änderungen früh ankündigen

So bekommt dein Nervensystem Sicherheit und Anregung, ohne dass beides gegeneinander arbeitet.

Sechs Doppelwerkzeuge für ADHS und Autismus
  • Wochenplan mit freien Feldern: Plane feste Termine sichtbar ein und lasse bewusst Felder frei, in die du Neues oder Spontanes setzen darfst.
  • Mini-Start plus Vorwarnung: Mache die erste Handlung winzig, und kündige dir selbst den Wechsel an, damit der Übergang dich nicht überrumpelt.
  • Timer als Geländer: Stelle eine sichtbare Uhr oder einen Timer auf, damit dein Zeitgefühl entlastet wird und du zugleich weißt, wann Schluss ist.
  • Interesse als Motor: Verbinde unangenehme Aufgaben mit etwas, das dich fesselt, zum Beispiel mit Musik oder einer Belohnung, die du vorher festlegst.
  • Rückzug als Fixpunkt: Trage Pausen und ruhige Zeiten fest in den Kalender ein, damit sie nicht als Erstes gestrichen werden.
  • Schriftlich statt im Kopf: Halte Absprachen und Prioritäten schriftlich fest, damit weder dein Arbeitsgedächtnis noch deine Reizverarbeitung zusätzlich belastet wird.

5Wie gewinnst du die Menschen um dich für deine Seite?

Du musst nicht alles allein lösen. Der Soziologe Damian Milton beschrieb 2012 das doppelte Empathieproblem: Missverständnisse zwischen autistischen und nicht autistischen Menschen entstehen in beide Richtungen, weil beide Seiten die Perspektive der anderen erst lernen müssen. Eine Studie von Catherine Crompton und ihrem Team von 2020 passt dazu. Informationen wurden unter autistischen Menschen ähnlich gut weitergegeben wie unter nicht autistischen, und erst in gemischten Ketten ging mehr verloren. Verständnis ist also keine Einbahnstraße.

Die folgenden Hebel kosten selten Geld, aber sie wirken stark. Teile sie mit deinem Team, deiner Führungskraft oder deiner Familie. Sie helfen nicht nur dir, sondern entlasten alle.

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Klare Kommunikation
Sage deutlich, was du meinst und was du erwartest, statt auf Andeutungen zu hoffen.
Eindeutige Prioritäten
Benenne, was zuerst erledigt werden soll und was warten darf.
Planbare Abläufe
Kündige Veränderungen früh an und halte feste Rituale bei, wo es möglich ist.
Schriftliche Informationen
Halte Absprachen und Aufgaben schriftlich fest, damit niemand alles im Kopf behalten muss.
Rückzugsmöglichkeiten
Plane ruhige Orte und Pausen ein, in denen sich das Nervensystem erholen kann.
Flexible Arbeitsweisen
Lass Spielraum bei Zeit, Ort und Vorgehen, damit jede Person so arbeiten kann, wie ihr Gehirn am besten funktioniert.

Der Überblick von Nick Doyle aus dem Jahr 2020 zeigt, wohin das führen kann: In passenden Umgebungen bringen neurodivergente Menschen besondere Fähigkeiten ein, etwa Detailgenauigkeit, tiefe Konzentration, Kreativität und ungewöhnliche Lösungswege. Wer die Bedingungen schafft, bekommt nicht weniger, sondern oft mehr.


6Was kann sich in sieben Tagen verändern?

Mehr, als du denkst. Dieser Plan bleibt bewusst klein, damit du ihn auch an schweren Tagen schaffst.

Tag 1: Dein Tauziehen benennen Wähle das Gegensatzpaar, das du am stärksten spürst, und schreibe auf, in welchen Situationen es auftritt.
Tag 2 bis 3: Ein Doppelwerkzeug ausprobieren Entscheide dich für genau ein Werkzeug aus der Liste und teste es in einer ganz normalen Situation.
Tag 4 bis 5: Eine Person einweihen Sage einer Person im Team oder in der Familie klar, was dir hilft, zum Beispiel schriftliche Infos oder frühe Ankündigungen.
Tag 6 bis 7: Auswerten und feiern Frage dich, was leichter geworden ist, und feiere es. Dann entscheidest du, welches Werkzeug als Nächstes dran ist.
Dein Notfall-Werkzeug

Wenn du mittendrin festhängst, hilft ein Trick aus der Forschung von Ethan Kross und Igor Grossmann. Menschen denken klüger über die Probleme anderer nach als über ihre eigenen, und du kannst diesen Vorteil nutzen. Frage dich: „Was würde ich einer guten Freundin raten, die genau hier steht?“ Sprich den Rat leise zu dir selbst, mit deinem Namen. Studien von Kross und seinem Team zeigen, dass Selbstgespräche in der dritten Person helfen können, unter Druck ruhiger zu bleiben.

Und noch etwas gehört ehrlich dazu. Neurodiversität bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu romantisieren. ADHS und Autismus zusammen können sehr belastend sein, und manchmal reichen Alltagswerkzeuge nicht aus. Wenn du merkst, dass du dauerhaft erschöpft oder überfordert bist, ist professionelle Unterstützung kein Scheitern, sondern ein kluger nächster Schritt.


Was nimmst du mit?

Dein Inneres ist kein Widerspruch. Es ist ein Nervensystem mit zwei berechtigten Bedürfnissen, das Halt und Anregung zugleich sucht. Mit einem festen Rahmen, freien Inseln, sichtbarer Zeit, geplanten Pausen und frühen Ankündigungen kannst du beides bedienen. Du musst nicht besser ins System passen. Manchmal muss das System besser zu dir passen.

Nimm diesen einen Satz mit: Ich muss mich nicht entscheiden, ich darf beides bauen.

Welches Doppelwerkzeug probierst du morgen als Erstes aus, und wen lädst du ein, es mit dir zu probieren?

Ein Satz, der bleibt

„The world needs all kinds of minds.“ (Die Welt braucht alle Arten von Köpfen.)

Temple Grandin, TED2010: The World Needs All Kinds of Minds, Long Beach 2010


Wissenschaftlicher Hintergrund
  • Barkley, R. A. (1997): Behavioral Inhibition, Sustained Attention, and Executive Functions: Constructing a Unifying Theory of ADHD. Psychological Bulletin, 121(1), 65 bis 94. Beschreibt ADHS als Störung der Verhaltenshemmung und Selbststeuerung, die exekutive Funktionen beeinträchtigt.
  • Willcutt, E. G., Doyle, A. E., Nigg, J. T., Faraone, S. V. und Pennington, B. F. (2005): Validity of the Executive Function Theory of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Meta-Analytic Review. Biological Psychiatry, 57(11), 1336 bis 1346. Metaanalyse zu schwächeren Leistungen bei exekutiven Funktionen im Durchschnitt.
  • Robertson, C. E. und Baron-Cohen, S. (2017): Sensory Perception in Autism. Nature Reviews Neuroscience, 18, 671 bis 684. Übersichtsarbeit zu sensorischen Besonderheiten bei Autismus.
  • Crompton, C. J., Ropar, D., Evans-Williams, C. V. M., Flynn, E. G. und Fletcher-Watson, S. (2020): Autistic Peer-to-Peer Information Transfer Is Highly Effective. Autism, 24(7), 1704 bis 1712. Zeigt in Informationsketten, dass die Weitergabe unter autistischen Menschen ähnlich gut funktioniert wie unter nicht autistischen und in gemischten Ketten schwächer ausfällt.
  • Milton, D. E. M. (2012): On the Ontological Status of Autism: The Double Empathy Problem. Disability & Society, 27(6), 883 bis 887. Beschreibt, dass Verständigungsprobleme zwischen autistischen und nicht autistischen Menschen wechselseitig entstehen.
  • Antshel, K. M. und Russo, N. (2019): Autism Spectrum Disorders and ADHD: Overlapping Phenomenology, Diagnostic Issues, and Treatment Considerations. Current Psychiatry Reports, 21, 34. Übersichtsarbeit zu Überschneidungen, Diagnostik und Behandlung, wenn Autismus und ADHS gemeinsam auftreten.
  • American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition (DSM-5). Arlington: American Psychiatric Publishing. Erlaubt seit 2013 die gleichzeitige Diagnose von Autismus-Spektrum-Störung und ADHS.
  • Hours, C., Recasens, C. und Baleyte, J.-M. (2022): ASD and ADHD Comorbidity: What Are We Talking About? Frontiers in Psychiatry, 13, 837424. Übersichtsarbeit zum gemeinsamen Auftreten von Autismus und ADHS.
  • Grossmann, I. und Kross, E. (2014): Exploring Solomon’s Paradox: Self-Distancing Eliminates the Self-Other Asymmetry in Wise Reasoning About Close Relationships in Younger and Older Adults. Psychological Science, 25(8), 1571 bis 1580. Zeigt, dass innerer Abstand zu eigenen Problemen weiseres Nachdenken ermöglicht.
  • Kross, E., Bruehlman-Senecal, E., Park, J., Burson, A., Dougherty, A., Shablack, H., Bremner, R., Moser, J. und Ayduk, O. (2014): Self-Talk as a Regulatory Mechanism: How You Do It Matters. Journal of Personality and Social Psychology, 106(2), 304 bis 324. Zeigt, dass Selbstgespräche in der dritten Person oder mit dem eigenen Namen die Regulation unter Druck erleichtern.
  • Grandin, T. (2010): The World Needs All Kinds of Minds. Vortrag bei TED2010, Long Beach. Plädoyer der Autistin und Tierwissenschaftlerin Temple Grandin dafür, unterschiedliche Denkweisen als Gewinn zu begreifen.
  • Doyle, N. (2020): Neurodiversity at Work: A Biopsychosocial Model and the Impact on Working Adults. British Medical Bulletin, 135(1), 108 bis 125. Überblick über Neurodiversität im Arbeitsleben, hilfreiche Anpassungen und die Stärken neurodivergenter Mitarbeitender.