Warum wird das, was du vermeidest, irgendwann zu der Grenze, die du kaum noch überschreiten kannst?
Zum dritten Mal in diesem Monat sagst du den Satz. Er klingt freundlich, fast großzügig: Mach du das lieber, du kannst das besser. Deine Kollegin nickt, übernimmt die Präsentation, und du spürst diese kleine, warme Erleichterung. Es ist ein guter Moment. Und genau deshalb ist er so gefährlich.
Manche Aufgaben übernimmst du ganz selbstverständlich. Andere schiebst du vor dir her, delegierst sie oder findest gute Gründe, warum du dich gerade nicht damit beschäftigen musst. Was zunächst wie eine persönliche Vorliebe aussieht, kann mit der Zeit zu einem fest verankerten Verhaltensmuster werden. Denn du wirst nicht nur besser in dem, was du regelmäßig tust. Du bleibst häufig auch unsicher in dem, was du konsequent vermeidest.
1Warum wird aus dem, was du gerne tust, deine Stärke?
Du suchst bevorzugt Situationen auf, in denen du dich wohlfühlst. Dort sammelst du positive Erfahrungen, entwickelst Kompetenzen und gewinnst Sicherheit. Mit jedem Erfolg wächst deine Komfortzone, und du wirst immer besser in dem, was du ohnehin schon gut kannst. Dein Gehirn belohnt dich dafür, denn jede gelungene Wiederholung festigt die zugehörigen Verbindungen und macht den Weg beim nächsten Mal noch ein wenig leichter.
2Warum bleibt das, was du vermeidest, deine Herausforderung?
Unangenehmen Situationen gehst du lieber aus dem Weg. Dadurch fehlen dir genau die Erfahrungen, die du bräuchtest, um darin sicherer zu werden. Und es kommt noch etwas hinzu, das die neuere Neuropsychologie inzwischen sehr genau beschreibt: Vermeidung beginnt oft mit einer echten Angst, entwickelt aber mit der Zeit ein Eigenleben.
In einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 beschreiben Tali Ball und Lisa Gunaydin, wie wiederholtes Vermeiden zur Gewohnheit werden kann, zu einem Verhalten, das sich vom ursprünglichen Gefühl der Angst irgendwann lösen kann. Die Forschenden haben diesen Mechanismus vor allem bei Angststörungen untersucht, doch in abgeschwächter Form betrifft er jeden Menschen. Du meidest dann nicht mehr, weil du Angst hast. Du meidest, weil du immer schon gemieden hast.
Und dann kommt der Moment, in dem du dich einer solchen Situation doch einmal stellen musst. Weil dir die Übung fehlt, fühlt es sich überfordernd an. Diese eine negative Erfahrung bestätigt, was du schon immer geglaubt hast: Das liegt mir einfach nicht. Und schon beginnt der Kreislauf von vorn.
Vermeiden beruhigt dich NICHT. Es verhindert nur, dass dein Gehirn je erfährt, dass die Angst unbegründet war.
3Was passiert, wenn du dieses Muster auch bei anderen anwendest?
Besonders bewegend wird es, wenn du dieses Muster plötzlich auch bei anderen erkennst. Der zurückhaltende Mensch in deinem Team bekommt selten die Gelegenheit, vor einer Gruppe zu sprechen. Wer Konflikte meidet, wird bei schwierigen Gesprächen lieber außen vor gelassen. Wer Veränderungen skeptisch gegenübersteht, wird bei neuen Projekten möglicherweise gar nicht erst berücksichtigt.
Oft geschieht das mit den besten Absichten, denn du möchtest Menschen dort einsetzen, wo ihre Stärken liegen. Doch was passiert mit den Fähigkeiten, die dadurch niemals eine Chance bekommen, sich zu entwickeln? Sie bleiben, wo sie sind: unberührt, ungeübt und manchmal sogar unbemerkt von denen, die sie in sich tragen.
4Wie durchbrichst du diesen Kreislauf, ohne dich ins kalte Wasser zu werfen?
Nicht, indem du dich oder andere einfach ins kalte Wasser wirfst, sondern indem du Entwicklung bewusst ermöglichst. Die Neuropsychologie liefert dafür zwei ermutigende Hinweise.
Der erste betrifft die Neugier. Eine viel beachtete Studie von Matthias Gruber und Kolleginnen und Kollegen zeigte im Jahr 2014, dass Neugier das dopaminerge Belohnungssystem aktiviert und die Zusammenarbeit zwischen diesem System und dem Hippocampus verstärkt, jener Region, die neue Erinnerungen formt. Wer neugierig an etwas Unbekanntes herangeht, lernt dabei nachweislich besser, und sogar Nebensächliches bleibt leichter hängen. Später beschrieben Gruber und Ranganath in ihrem PACE-Modell, wie Neugier entsteht: Sie wächst dort, wo dein Gehirn eine Wissenslücke bemerkt, die ihm wichtig genug erscheint, um sie zu schließen.
Der zweite Hinweis betrifft die Angst selbst. Die Forschung zur Furchtextinktion zeigt, dass dein Gehirn eine alte Alarmreaktion durch wiederholte, sichere Erfahrungen überschreiben kann. Die Vorhersage „Das ist gefährlich“ wird Schritt für Schritt durch eine neue ersetzt: Das habe ich schon überlebt. Genau diese neue Vorhersage kann dir kein Vermeiden der Welt beibringen, nur das behutsame, wiederholte Hingehen.
Vielleicht ist das größte ungenutzte Potenzial nicht dort zu finden, wo du bereits besonders gut bist, sondern dort, wo du bisher kaum Erfahrungen sammeln konntest. Und vielleicht lohnt es sich, dir und anderen häufiger eine andere Frage zu stellen: Was könnte dieser Mensch entwickeln, wenn er die Gelegenheit dazu bekommt?
Welche Aufgabe gibst du seit Wochen weiter, obwohl ein Teil von dir längst neugierig darauf ist?
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Puckett, S. (2021): Moderne Führung und Selbstorganisation: Mit psychologischem Wissen Zukunftskompetenzen entwickeln. Freiburg: Haufe Group. Das Modell von Präferenz und Vermeidung, auf dem dieser Artikel in Anlehnung aufbaut.
- Ball, T. M. und Gunaydin, L. A. (2022): Measuring Maladaptive Avoidance: From Animal Models to Clinical Anxiety. Neuropsychopharmacology, 47(5), 978 bis 986. Übersichtsarbeit, die beschreibt, wie wiederholtes Vermeiden zu habitueller Vermeidung werden kann, die sich vom Ausmaß des erlebten Angstgefühls lösen kann, und wie Vermeidung verhindert, dass fehlerhafte Bedrohungsannahmen überprüft werden.
- Gruber, M. J., Gelman, B. D. und Ranganath, C. (2014): States of Curiosity Modulate Hippocampus-Dependent Learning via the Dopaminergic Circuit. Neuron, 84(2), 486 bis 496. Zeigt per Bildgebung, dass Neugier das dopaminerge Belohnungssystem und den Hippocampus aktiviert und das Lernen von Informationen verbessert, auch von nebensächlichen.
- Gruber, M. J. und Ranganath, C. (2019): How Curiosity Enhances Hippocampus-Dependent Memory: The Prediction, Appraisal, Curiosity, and Exploration (PACE) Framework. Trends in Cognitive Sciences, 23(12), 1014 bis 1025. Beschreibt ein Modell, wie Neugier durch erkannte Wissenslücken entsteht und Lernen und Gedächtnisbildung verstärkt.
- Milad, M. R. und Quirk, G. J. (2012): Fear Extinction as a Model for Translational Neuroscience: Ten Years of Progress. Annual Review of Psychology, 63, 129 bis 151. Zeigt, wie alte Furchtreaktionen durch wiederholte sichere Erfahrungen im Gehirn überschrieben werden können.

