Identitätspsychologie & Neurowissenschaft
Warum die Suche nach der eigenen Identität niemals wirklich endet?
Es gibt Momente im Leben, in denen plötzlich alles ins Wanken gerät. Dinge, die sich früher sicher angefühlt haben, verlieren ihre Klarheit. Rollen verändern sich, Beziehungen verändern sich, und manchmal verändert sich sogar der Blick auf sich selbst. Genau in solchen Zeiten beginnt oft etwas sehr Grundlegendes im Menschen zu arbeiten: die Frage danach, wer man eigentlich wirklich ist.
Einige Bereiche dieses Artikels lassen sich aufklappen. Die sichtbaren Kästen und Visualisierungen helfen dir dabei, die Zusammenhänge schneller zu erfassen.
1 Der Moment, in dem der Boden wankt
Viele Menschen glauben, Identität sei etwas Festes, etwas, das irgendwann abgeschlossen ist. Doch die moderne Identitätsforschung beschreibt etwas völlig anderes. Identität ist kein fertiger Zustand, sondern ein lebendiger Prozess, der sich durch das ganze Leben zieht und immer wieder neu geformt wird.
Bestimmte Ereignisse bringen diesen Prozess besonders deutlich an die Oberfläche. Sie erschüttern das bisherige Selbstbild und stellen unbequeme Fragen, denen man sonst vielleicht ausweichen würde.
Gab es in deinem Leben schon einen Moment, der dich dazu gebracht hat, dich selbst neu zu hinterfragen?
2 Warum wir innere Stabilität brauchen
Ein Mensch lebt gleichzeitig in vielen Rollen. Man ist vielleicht Mutter oder Vater, Kollegin oder Kollege, Freund, Partnerin, Führungskraft oder Lernender. Trotzdem brauchen wir das Gefühl, in all diesen Rollen im Kern dieselbe Person zu bleiben. Genau dieses Erleben von innerer Einheit gibt Halt und Stabilität.
Wenn Menschen sich selbst als konsistent erleben, entsteht psychische Sicherheit. Fehlt dieses Gefühl über längere Zeit, entsteht oft innere Unruhe, manchmal beschrieben als langsames Verlieren seiner selbst oder als das Gefühl, nur noch zu funktionieren.
Menschen profitieren von Orientierung und einem gewissen Gefühl innerer Kontinuität. Ein relativ stabiles Selbstbild kann dabei als Bezugspunkt dienen, ohne deshalb unveränderlich sein zu müssen.
Identität muss weder starr noch beliebig sein. Kontinuität und Veränderung können gleichzeitig bestehen.
3 Der Abstecher ins eigene Gehirn
Identität ist kein rein abstraktes Konzept, sie hat auch eine neurobiologische Seite. Zwei Eigenschaften des Gehirns helfen dabei zu verstehen, warum sich Identität stabil anfühlen kann und warum sie sich gleichzeitig verändern lässt.
Vereinfacht gesagt lassen sich hier zwei ergänzende Aspekte unterscheiden: selbstbezogene Verarbeitung unterstützt das Erleben von Kontinuität, während Neuroplastizität Veränderungen durch neue Erfahrungen ermöglicht.
Mediale präfrontale und weitere kortikale Mittellinienregionen sind an der Verarbeitung selbstbezogener Informationen beteiligt. Gleichzeitig zeigt die Forschung zur Neuroplastizität, dass sich neuronale Strukturen und Funktionen durch Erfahrung und Lernen verändern können. Das erklärt nicht die gesamte Identitätsentwicklung, zeigt aber, warum Stabilität und Veränderung biologisch miteinander vereinbar sind.
Das Selbst kann sich daher zugleich relativ kontinuierlich und veränderbar anfühlen. Die beteiligten Hirnprozesse sind komplexer als diese vereinfachte Darstellung.
1 Mediale präfrontale und weitere Mittellinienregionen Selbstbezogene Verarbeitung ⌄
Wenn Menschen beurteilen, ob eine Eigenschaft auf sie selbst zutrifft, zeigt sich in medialen präfrontalen und weiteren Mittellinienregionen eine erhöhte Aktivität im Vergleich zur Bewertung fremder Personen. Diese Regionen werden mit selbstbezogener Verarbeitung und verschiedenen Aspekten des Selbstbezugs in Verbindung gebracht.
Bildgebende Studien zeigen wiederholt eine besondere Beteiligung medialer präfrontaler Mittellinienstrukturen, wenn Informationen als selbstbezogen eingeordnet werden, auch im sogenannten Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns.
Northoff, G. & Bermpohl, F. (2004), Cortical Midline Structures and the Self. Trends in Cognitive Sciences, 8(3).; Qin, P. & Northoff, G. (2011), How Is Our Self Related to Midline Regions and the Default-Mode Network? NeuroImage, 57(3).
2 Neuroplastizität Wandlungsfähigkeit des Selbstbilds ⌄
Neue Erfahrungen, wiederholtes Üben oder veränderte Lebensumstände können mit Veränderungen in neuronalen Netzwerken einhergehen. Das Gehirn ist dadurch keine feste Struktur, sondern bleibt zeitlebens in gewissem Umfang anpassungsfähig.
Forschung zur Neuroplastizität zeigt, dass sich Gehirnstrukturen und -funktionen als Reaktion auf neue Erfahrungen und wiederholtes Verhalten verändern können, auch im Erwachsenenalter.
Draganski, B. et al. (2004), Neuroplasticity: Changes in Grey Matter Induced by Training. Nature, 427.; Kolb, B. & Whishaw, I. Q. (1998), Brain Plasticity and Behavior. Annual Review of Psychology, 49.
4 Wenn alte Rollen zu Schutzschilden werden
Viele Überzeugungen über die eigene Person entstehen früh im Leben, geprägt durch Familie, Schule, Beziehungen oder gesellschaftliche Erwartungen. Mit der Zeit wirken diese inneren Bilder wie Wahrheiten, obwohl nicht alles, was wir über uns glauben, wirklich unserem Wesen entspricht.
Manchmal tragen Menschen jahrelang Rollen, die eigentlich nur Schutzmechanismen geworden sind. Das Gehirn hält oft an solchen Mustern fest, weil sie Sicherheit vermitteln, selbst wenn sie innerlich erschöpfen.
Wenn äußere Anforderungen über längere Zeit als belastend erlebt werden und Erholung fehlt, kann chronischer Stress entstehen. Die Stressforschung beschreibt, dass anhaltende Aktivierung von Stresssystemen den Organismus auf Dauer belasten kann. Ob und wie stark das geschieht, hängt von vielen individuellen und situativen Faktoren ab.
McEwen, B. S. (1998), Protective and Damaging Effects of Stress Mediators. New England Journal of Medicine, 338.
Identitätsarbeit kann bedeuten, eigene Werte und Bedürfnisse bewusster von übernommenen Erwartungen zu unterscheiden. Dabei geht es nicht darum, ein verborgenes „wahres Ich“ freizulegen, sondern das eigene Selbstbild immer wieder zu prüfen und weiterzuentwickeln.
5 Warum sich Identitätsfragen heute so oft stellen
Lebensläufe können heute von mehreren beruflichen, sozialen und persönlichen Übergängen geprägt sein. Wechsel von Beruf, Wohnort, Beziehungen oder Lebensmodellen können vertraute Selbstbilder infrage stellen und neue Identitätsfragen auslösen.
Identitätsentwicklung endet nicht zwangsläufig mit dem Erwachsenwerden. Übergänge und neue Erfahrungen können auch später im Leben dazu führen, dass Menschen ihr Selbstbild überprüfen, verändern oder neu gewichten.
Die meisten Menschen bewegen sich hier öfter, als sie denken.
Wer bist du wirklich, wenn niemand etwas von dir erwartet?
6 Dein Selbst-Check
Der Check liefert keine Bewertung. Er hilft dir dabei, gewachsene Identität und mögliche Schutzmuster bewusster wahrzunehmen.
Ein stimmiges Selbstbild kann Orientierung geben, muss aber nicht starr sein. Identitätsarbeit bedeutet deshalb nicht, sich ständig zu optimieren, sondern eigene Werte, Erfahrungen und Veränderungen bewusst einzuordnen.
Vielleicht besteht wahre Identität deshalb nicht darin, irgendwann endgültig angekommen zu sein. Vielleicht besteht sie vielmehr darin, sich immer wieder neu begegnen zu können, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Welche deiner aktuellen Überzeugungen über dich selbst hast du bewusst gewählt, und welche läuft inzwischen hauptsächlich aus alter Gewohnheit weiter?
+ Eine Minute ohne Erwartungen ⌄
Für diese Übung brauchst du keine Antworten. Nimm dir nur eine ruhige Minute.
- Atme einige Male ruhig ein und aus und lass für einen Moment los, was heute schon von dir erwartet wurde.
- Stell dir vor, niemand würde gerade etwas von dir brauchen. Keine Rolle, keine Aufgabe, keine Erwartung.
- Beobachte, was übrig bleibt, wenn für einen Moment keine Erwartung im Vordergrund steht. Ein Gefühl oder ein Gedanke genügt.
- Nimm zum Schluss den Gedanken mit: Ich bin auch dann noch da, wenn ich gerade niemandem etwas beweisen muss.
Wissenschaftlicher Hintergrund
- Erikson, E. H. (1968): Identity: Youth and Crisis. Norton. Grundlagenwerk der psychosozialen Identitätsentwicklung über die gesamte Lebensspanne.
- Marcia, J. E. (1966): Development and Validation of Ego-Identity Status. Journal of Personality and Social Psychology, 3(5). Klassisches Modell unterschiedlicher Identitätszustände.
- Northoff, G. & Bermpohl, F. (2004): Cortical Midline Structures and the Self. Trends in Cognitive Sciences, 8(3). Überblicksarbeit zu Hirnstrukturen, die an der Verarbeitung selbstbezogener Information beteiligt sind.
- Qin, P. & Northoff, G. (2011): How Is Our Self Related to Midline Regions and the Default-Mode Network? NeuroImage, 57(3). Metaanalyse zur Selbstverarbeitung in medialen Hirnregionen.
- Kelley, W. M., Macrae, C. N., Wyland, C. L. et al. (2002): Finding the Self? An Event-Related fMRI Study. Journal of Cognitive Neuroscience, 14(5). Grundlegende Studie zur Beteiligung des medialen präfrontalen Cortex an selbstbezogener Verarbeitung.
- Draganski, B., Gaser, C., Busch, V. et al. (2004): Neuroplasticity: Changes in Grey Matter Induced by Training. Nature, 427. Studie zu strukturellen Veränderungen im Gehirn durch neues Lernen.
- Kolb, B. & Whishaw, I. Q. (1998): Brain Plasticity and Behavior. Annual Review of Psychology, 49. Überblicksarbeit zur Anpassungsfähigkeit des Gehirns über die Lebensspanne.
- McEwen, B. S. (1998): Protective and Damaging Effects of Stress Mediators. New England Journal of Medicine, 338. Grundlagenarbeit zu allostatischer Last durch anhaltende innere Belastung.

